Frankreich Ende der Wende

Paris gibt das Ziel auf, die Atomstromproduktion bis 2025 radikal zu reduzieren. Sonst würden die CO2-Emissionen steigen.

Von Leo Klimm, Paris

Soll erst bis 2022 vom Netz: Das AKW Fessenheim ist Frankreichs ältestes.

(Foto: Christophe Karaba/dpa)

Frankreich verabschiedet sich von dem Ziel, den Anteil der Atomkraft an seiner Stromversorgung bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zu senken. Der bisherige Plan sei "brutal und unrealistisch", sagte Energieminister Nicolas Hulot nach einer Kabinettssitzung am Dienstag in Paris. Hulot begründete die Abkehr mit einer Abwägung zwischen der Verringerung des Atomstroms und der Verringerung klimaschädlicher Kohlenstoffdioxid-Emissionen: "Wenn wir das Datum 2025 aufrechterhalten wollen, um die Kernkraft im Energiemix auf 50 Prozent zu drücken, geht das auf Kosten unserer Klimaziele", so Hulot. "Es würde die Schließung von Kohlekraftwerken verhindern, vielleicht müssten wir sogar thermische Kraftwerke wieder in Betrieb nehmen." Eine allzu hastige Atomwende könne zudem die Versorgungssicherheit gefährden und die Akzeptanz für damit verbundene Arbeitsplatzverluste in den Kraftwerken mindern.

Schon im Juli hatte Hulot die Losung ausgegeben, Frankreich dürfe von 2022 an keinen Strom aus Kohle mehr produzieren. Oberste Priorität habe daher der Ausbau erneuerbarer Energien. Diese politische Selbstverpflichtung gewichten der Minister und Staatschef Emmanuel Macron nun folgerichtig höher als das von Ex-Präsident François Hollande geerbte Atomstrom-Ziel - wenngleich die 50-Prozent-Marke Hulot zufolge weiter "so schnell wie möglich" erreicht werden soll.

Die Vorgabe wurde 2015 in einem Energiewende-Gesetz festgeschrieben; wie sie bis 2025 umgesetzt werden sollte, blieb jedoch offen. Einem Bericht des französischen Rechnungshofs zufolge müssten binnen weniger Jahre 17 bis 20 der landesweit 58 Reaktoren vom Netz gehen, um das Gesetz zu erfüllen. Kritiker hatten das von Anfang an als unmöglich gewertet. Auch Hulot - der bis zu seiner Berufung als Minister im Mai ein prominenter Umweltaktivist, aber kein dezidierter Atomkraftgegner war - stichelte am Dienstag: Die Vorgängerregierung habe sich nicht um die Umsetzbarkeit ihrer Vorgaben geschert.

Tatsächlich gelang es Hollande nicht, ein einziges Atomkraftwerk zu schließen. Zwar erließ er kurz vor Ende seiner Amtszeit ein Dekret, die direkt an der Grenze zu Deutschland gelegenen Reaktoren von Fessenheim stillzulegen. Ein Schritt, den die Bundesregierung wegen Sicherheitsbedenken schon lange fordert. Allerdings setzte der staatliche Stromkonzern EDF durch, dass Fessenheim gegen einen neuen Druckwasserreaktoren in der Normandie ausgetauscht wird, wenn der fertig gebaut ist. Als Termin für diese Ablösung stand Ende 2018 im Raum. Hulot fasste den Zeitraum für die Abschaltung von Fessenheim jetzt plötzlich weiter: Das Aus für das elsässische Kraftwerk komme "im Lauf der Amtszeit Macrons", so der Minister - also bis 2022.

Hulot gab sich ein Jahr, um einen ihm zufolge realistischeren Fahrplan zur Erreichung der 50-Prozent-Marke zu erstellen. Dann will er ein neues Zieldatum nennen. Zugleich möchte Hulot den Ausbau erneuerbarer Energieträger wie Wind- und Solarkraft vorantreiben. Hier liegt Frankreich weit hinter Deutschland zurück. Auch in die Verbesserung von Stromspeichern, die für diesen Ausbau nötig sind, will Hulot investieren. "Die Erneuerbaren müssen unsere Priorität werden, damit die Atomkraft nur noch eine Notstromquelle ist", formulierte er seinerseits ein ehrgeiziges Ziel.

Bei seinem Vorstoß stützte sich der Minister dennoch auf einen Bericht des Stromnetzbetreibers RTE, einer Tochter des Atomkonzerns EDF. Dem Bericht zufolge würden sich die Kohlenstoffdioxid-Emissionen der französischen Energieindustrie verdoppeln, müsste das Land innerhalb weniger Jahre ein Drittel des Atomstroms durch andere Quellen ersetzen. Dieses Szenario ist seit Dienstag ausgeschlossen.