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Frankreich:Der Plauder-Präsident

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Redet sehr gerne: Frankreichs Präsident Hollande.

(Foto: Bloomberg)

François Hollande spricht ausgiebig und offenherzig mit Journalisten und verprellt mit seinen Indiskretionen die Franzosen.

Der Titel liest sich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: "Ein Präsident sollte das nicht sagen", heißt das Buch, das zwei Journalisten der Zeitung Le Monde aus Gesprächen mit François Hollande destilliert haben. Am vergangenen Donnerstag ist es in Frankreich erschienen, und seitdem diskutiert das Land über den Präsidenten der Republik, der sich in dem Werk so gar nicht wie ein Präsident präsentiert. Hollande, so lautet das Fazit eine Woche nach der Veröffentlichung, hätte wohl besser geschwiegen.

61 Mal hat der Präsident sich seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren mit den Reportern getroffen, 100 Stunden Gesprächsmaterial sind zusammengekommen. Und Hollande zeigt sich in bester Plauderlaune. Freimütig berichtet er den Reportern von seinen wechselnden Beziehungen. Er lästert über die französische Justiz ("Institution der Feigheit") und die französischen Fußballer - seiner Meinung nach verzogene Bengel, die statt ihrer Beine besser mal ihr Gehirn trainieren sollten. Offenherzig räumt er ein, dass es ein "Problem mit dem Islam" gebe und zu viele Immigranten, andererseits kündigt er an, dass "die verschleierte Frau von heute die Marianne von morgen" sein werde. Seitenhiebe gibt es auch gegen Barack Obama und, natürlich, gegen Nicolas Sarkozy, den "kleinen de Gaulle".

Etwas mehr als ein halbes Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen hat es Hollande geschafft, sich in einem neuen Tiefpunkt hinein zu reden. Für einen Mann, der seit Jahren mit dem Stempel "unbeliebtester Präsident der Fünften Republik" auf der Stirn regieren muss, ist das durchaus ein Kunststück. Hollande hat in dem Buch praktisch jedem einen Grund geliefert, sich aufzuregen: den Richtern und Fußballern, seiner Ex-Partnerin Valerie Trierweiler, den Rechten und den Linken, die sich an seinen Aussagen zum Islam je nach Weltanschauung reiben können. Abgesehen von den Details seiner Auslassungen ist es vor allem die Geschwätzigkeit des Präsidenten, die viele Franzosen abstößt. Hollande unterhält ein kompromittierend gutes Verhältnis zu Journalisten, allein in diesem Jahr erschienen etliche Enthüllungsbücher über den Präsidenten. Viele fragen sich, woher er die Zeit dafür nimmt. Und fast 80 Prozent der Befragten gaben in einer Erhebung an, Hollande habe gegenüber den Reportern zu viel preisgegeben. Sogar noch höher ist mit 86 Prozent mittlerweile der Anteil der Franzosen, die sich keine neue Kandidatur Hollandes im kommenden Jahr wünschen.

Bisher hat der Präsident nur angedeutet, dass er es noch einmal versuchen möchte. Seine Chancen auf den Einzug in die Stichwahl sind nach heutigem Stand äußerst gering. Doch es erscheint zunehmend fraglich, ob Hollande überhaupt die parteiinterne Vorwahl überstehen würde. Viele Sozialisten reagierten auf das Enthüllungsbuch geradezu fassungslos. Zahlreiche Parteifreunde des Präsidenten ließen sich in französischen Medien anonym zitieren, ihre Urteile über Hollande waren verheerend. Außenminister Jean-Marc Ayrault sagte unter der Woche kühl, aber nicht weniger vernichtend, der Titel sei das einzig Interessante an dem Buch - und der verrate bereits alles. Premierminister Manuel Valls soll gewütet und von einem "politischen Selbstmord" gesprochen haben.

Hollande selbst hat sich bisher kaum zu der Aufregung über seine Offenherzigkeit geäußert. Er werde sich erklären, wenn der Moment gekommen sei, sagte er am Dienstag. Am Mittwoch reiste er dann nach Berlin, um mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin über Syrien zu verhandeln. Er sprach schonungslos von Kriegsverbrechen in Aleppo und trat dabei sehr staatsmännisch auf. Die große Bühne liegt dem Präsidenten, das ließ sich auch nach den Terroranschlägen von Paris und Nizza beobachten. Seine Freude am Plaudern im kleinen Journalistenkreis könnte allerdings dazu beitragen, dass er sie bald räumen muss.