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Frankreich:Auf Normalmaß geschrumpft

Präsident Emmanuel Macron will nicht länger wie zu Beginn seiner Amtszeit der selbstlose EU-Enthusiast sein, sondern lieber nationale Interessen durchsetzen. Das beschert Streit, aber die Europäische Union schwächt es nicht.

Visionär ist nicht mehr das erste Wort, das einem zur Europapolitik von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in diesen Tagen einfallen würde. Bockig träfe es eher. Das EU-Parlament will Sylvie Goulard nicht in der EU-Kommission sehen, weil diese in eine Affäre um Scheinbeschäftigung verwickelt war? Macron reagiert äußerst beleidigt. Und wird nun darauf achten, möglichst spät eine neue Kandidatin vorzuschlagen. Jeder soll spüren, dass Frankreich leidet. Nordmazedonien und Albanien wird seit Jahren ein EU-Beitritt in Aussicht gestellt? Paris stellt sich polternd dagegen.

Vom Europäer zum Franzosen - nach zweieinhalb Jahren im Amt hat Macron es aufgegeben, sich als selbstloser EU-Enthusiast zu inszenieren. Er will nationale Interessen durchsetzen und zeigt das. Das beschert Streit, die EU schwächt es nicht.

Macron ist vom Hoffnungsträger zum normalgroßen Politiker geschrumpft. Das ist eine Chance, wieder über Themen zu sprechen, nicht nur darüber, wer diese Themen jetzt gerade besonders glänzend setzt. Viele der Ideen, die Macron in seiner Sorbonne-Rede vorgetragen hat, bleiben richtig. Europa wird stärker, wenn es zusammenwächst. Wie engstirnig nationale Interessen vorgetragen werden können, führt nun ausgerechnet der vor, der sich einst so enthusiastisch gegen sie wandte: Emmanuel Macron.