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Forschung:Quarkbecher aus der Tiefsee

Plastikmüll aus der Tiefsee

Unterm Schlamm ist alles beim Alten: Auch nach über 20 Jahren hat sich dieser Quarkbecher in der Tiefsee nicht zersetzt.

(Foto: dpa)

Plastikmüll überdauert am Meeresgrund überraschend lange.

Von Lina Verschwele

Es war eine Sensation, die sich im Dezember 1988 ereignete. Eigentlich galt das deutsche Tennisteam beim Davis Cup in Göteborg als Außenseiter. Dann schafften die Spieler das Unerwartete. Mit 4:1 gewannen sie das Finale. Tennisfans in Deutschland waren außer sich - und Coca-Cola feierte den Davis Cup mit einer Getränke-Sonderedition.

Jahrzehnte später tauchte eine dieser Cola-Dosen an unerwarteter Stelle wieder auf. 2015 brachte sie ein Forschungsroboter aus mehr als 4000 Meter Tiefe im Ostpazifik hervor. Die Dose war in eine Plastiktüte verschlungen, auch eine Quarkpackung förderte der Roboter zutage. Doch dem Müll schenkten die Forscher an Bord zunächst wenig Beachtung. Sie waren in anderer Mission unterwegs. Vor der Küste Perus untersuchte das Team vom Kieler Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, wie der Boden der Tiefsee auf Grabungen reagiert.

Jetzt aber haben die Forscher den Zufallsfund analysiert. "Dabei zeigte sich, dass weder die Tüte noch die Quarkpackung Zeichen von Fragmentierung oder sogar Abbau in ihre Bestandteile aufwiesen", sagt der Biochemiker Stefan Krause vom Geomar. Er und seine Kollegen haben die Ergebnisse im Online-Fachjournal Nature - Scientific Reports veröffentlicht. Auch nach mehr als 20 Jahren in den Tiefen des Ozeans blieb das Plastik wie neu - eine schlechte Nachricht für die Umwelt.

Es ist das erste Mal, dass Forscher so genau bestimmen können, wie lange Plastikmüll in der Tiefsee lag. Dank der Dose in der Plastiktüte war es möglich, dem Kunststoff ein Alter zuzuordnen. Ohne die Tüte wiederum wäre die Dose längst korrodiert und unkenntlich geworden. Das Alter der Quarkpackung haben die Forscher mit Detektivarbeit ermittelt. Die aufgedruckte Adresse zeigte eine fünfstellige Postleitzahl, die es in Deutschland erst seit 1990 gibt. Die Marke des Quarks aber wurde 1999 eingestellt, weil die Herstellerfirma in andere Hände überging.

Auch die Umweltverschmutzer selbst konnten die Forscher ausmachen. Offenbar waren es ausgerechnet Kollegen, die den Müll in der Tiefsee vor Peru zurückgelassen hatten. 1989 hatten deutsche Wissenschaftler dort ein Stück Meeresboden umgepflügt. Sie wollten verstehen, wie sich ein potenzieller Abbau von Mangan am Grund auswirkt. 1992, 1996 und 2015 kehrten sie in das Gebiet zurück, um zu untersuchen, ob sich das Ökosystem in der Tiefsee regeneriert. Da das Forschungsgebiet abseits wichtiger Schifffahrtsrouten liegt, vermuten die Forscher, dass der Müll von einer der frühen Expeditionen stammen muss.

"Zum Glück hat sich die Mentalität seit den 1990er-Jahren deutlich gewandelt", sagt Matthias Haeckel vom Geomar. Er hat die Expedition 2015 an Bord koordiniert. "Sowohl die Crews der Schiffe als auch die eingeschifften Forschungsteams achten sehr genau darauf, dass kein Müll mehr über Bord geht." Der gefundene Müll liefert nun wichtige Informationen für die aktuelle Forschung. In einem laufenden Projekt will das Geomar untersuchen, wie Plastikmüll von den Kontinenten bis zum Boden der Tiefsee wandert. Jedes Jahr landen mehrere Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen.

© SZ vom 15.06.2020

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