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Flüchtlinge:Wieder Massensterben im Mittelmeer

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Vor der libyschen Küste ertrinken vermutlich 700 Menschen, die auf einem 30 Meter langen Boot zusammengepfercht waren.

Von Oliver Meiler, Rom

Im Mittelmeer hat sich wieder eine Flüchtlingskatastrophe ereignet. Bestätigen sich die Befürchtungen der UN, handelt es sich um das bisher gravierendste Unglück in den Gewässern der Straße von Sizilien, mit mehreren hundert Toten, vielleicht 700. Die italienische Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge, Carlotta Sami, sprach vom "schlimmsten Massensterben im Mittelmeer".

Ein übervolles Flüchtlingsboot kenterte in der Nacht auf Sonntag 60 Seemeilen vor der libyschen Küste, nachdem es in Seenot geraten war und um Hilfe gerufen hatte. Ein portugiesisches Handelsschiff hatte sich dem Boot genähert. Offenbar veranlasste die Aussicht auf Rettung einige Flüchtlinge, die Bootsseite zu wechseln. Da kippte das Boot. Die Crew des Containerschiffs konnte 28 Menschen retten, 24 wurden tot geborgen. Einer der Überlebenden sagte den Rettern, dass 700 Passagiere an Bord des 30 Meter langen Flüchtlingsboots gewesen seien, ein weiterer Überlebender sprach sogar von 950 Menschen. Italien und Malta entsandten Schiffe und Hubschrauber in die Unglückszone, um möglichst viele Verschollene zu retten. Oft ist es aber so, dass viele der Flüchtlinge nicht schwimmen können, nie zuvor in ihrem Leben auf einem Boot gereist waren und nach einem Unglück rasch ertrinken. Die Hilfsoperation wurde zwar umgehend ausgelöst, doch der Unfallort lag 120 Seemeilen entfernt von der Insel Lampedusa, dem südlichsten Außenposten Europas.

Schon vor einer Woche waren 400 Flüchtlinge vor Libyen ertrunken. Italien appelliert nun wieder an die Partnerstaaten in der EU, sie mögen es nicht alleinlassen mit dem Migrationsdruck aus den Konfliktzonen Nordafrikas und des Nahen Ostens. Premier Matteo Renzi rief dazu auf, das "Massaker im Mittelmeer" nicht gleichgültig hinzunehmen. Renzi hatte kürzlich in den USA auch Präsident Barack Obama gebeten, bei der Stabilisierung Libyens zu helfen, wo Schlepperbanden ohne Kontrolle und Skrupel Flüchtlingsboote auf die gefährliche Reise schickten.

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras forderte eine Ausweitung der Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer.

Bis November 2014 war Italien im Rahmen seiner Rettungsoperation Mare Nostrum Schlauchbooten und Barken in Not auch in internationalen Gewässern zu Hilfe geeilt. Es setzte die Marine und die Küstenwache ein. Doch seit die EU Mare Nostrum durch ihre Grenzschutzoperation Triton ersetzt hat, fällt das Retten auch deshalb schwerer, weil der Aktionsradius stark eingeschränkt wurde. Mehr als 30 Seemeilen dürfen sich die Schiffe von Triton nicht von den Küsten Italiens entfernen. Mit einem monatlichen Budget von drei Millionen Euro ist die europäische Initiative außerdem finanziell weniger gut ausgestattet, als es die italienische gewesen war, die neun Millionen gekostet hatte.

Der Papst rief die internationale Gemeinschaft auf, Italien bei der Rettung von Flüchtlingen zu helfen: "Das waren Männer und Frauen wie wir", sagte Franziskus, "solche, die ein besseres Leben suchten und vor dem Hunger, der Verfolgung, der Ausbeutung und vor Kriegen flohen. Sie suchten ihr Glück."

© SZ vom 20.04.2015

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