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Flüchtlinge in Italien:Unter einem Dach mit Bürgerkriegssoldaten

Maximal sechs Monate finden Asylbewerber in den Aufnahmezentren, zum Beispiel auf der Insel Lampedusa vor Sizilien, aber auch auf dem Festland provisorischen Unterschlupf. Und dann? "Dann werden wir rausgeworfen, auf die Straße", sagt Abdalla. Italien ist durchaus großzügig, wenn es um die Anerkennung des Flüchtlingsstatus geht. Doch ansonsten tut der Staat fast nichts für die Emigranten.

Das stellte auch der Menschenrechtskommissar des Europarates fest, als er vor Wochen zu einer Visite nach Rom kam und den Palazzo Salaam besichtigte. "Intolerabel" nannte Nils Muižnieks die Zustände. "Selbst anerkannte Flüchtlinge werden gezwungen, unter erbärmlichen Umständen zu leben", heißt es in seinem Bericht.

Das Verwaltungsgericht Stuttgart schrieb in seinem Urteil von einer "unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung", die Flüchtlingen in Italien drohe. Besetzte Häuser wie den Palazzo Salaam oder provisorische Lager gibt es mehrere in Rom, allein in der Hauptstadt sollen 6000 anerkannte politische Flüchtlinge leben. Zehnmal so viele Menschen wagten 2011 die Überfahrt aus Nordafrika über den Kanal von Sizilien. Wie jedes Jahr nehmen die Transporte im Sommer zu, weil die See dann ruhiger ist. Wenn die Flüchtlinge das italienische Festland erreichen, können sie nach der Schonfrist in den Erstaufnahme-Einrichtungen weder mit Arbeit, Sozialhilfe oder einer Unterkunft rechnen.

Kbrom Tesfamihert trägt ein weißes Unterhemd, er stammt aus Eritrea. Auch er kam mit einer der überfüllten Schaluppen übers Meer auf die Insel Lampedusa. Später zog der frühere Universitätsstudent von Italien in die Schweiz weiter und wurde dort inhaftiert, weil er keine Aufenthaltserlaubnis vorweisen konnte. Nach Wochen im Gefängnis schob man ihn nach Italien ab. "Ich will nach Bern ins Gefängnis zurück", sagt er. Da hätte sein Tagesablauf zumindest einen Sinn gehabt. "Ich habe dort gearbeitet, mein Tag war geregelt."

Tesfamihert hat in Rom einen Kurs belegt, in dem ihm ein Zertifikat zur Öffnung eines Restaurantbetriebes ausgestellt wurde. Wenn er zur Gemeindeverwaltung geht, schütteln die Beamten regelmäßig den Kopf. Seine Qualifikation hilft ihm nicht weiter. Also muss sich der 31-Jährige mit Gelegenheitsjobs durchschlagen und träumt vom Gefängnis in der Schweiz.

Sie werden "die Verrückten" genannt

Die 800 Bewohner des Palazzo Salaam sind auf sich allein gestellt. Nur zweimal in der Woche kommt die Ärztin Donatella D'Angelo mit zwei bis drei Helfern der von ihr gegründeten Freiwilligenorganisation Cittadini del Mondo in das Hochhaus, um den Flüchtlingen bei medizinischen und bürokratischen Fragen zu helfen. D'Angelo und die Helfer werden hier geschätzt, sie sind die einzige Organisation, die den Flüchtlingen zu helfen versucht.

Etwa 300 Frauen und 50 Kinder - darunter auch Neugeborene - leben in den Ruinen, zusammen mit Männern, die jahrelang als Soldaten in den Bürgerkriegen ihrer Heimat kämpften. "I matti", die Verrückten werden sie hier genannt, einige von ihnen leben auf Matrazen vor dem Gebäude. "Fast alle Männer hier waren Soldaten", erzählt D'Angelo. Vor einiger Zeit sei eines der Kinder von einem der Ex-Soldaten in einen Kühlschrank gesperrt und gerade noch rechtzeitig entdeckt worden. Bei einem Streit wurde ein Mann lebensgefährlich mit einer Machete am Kopf verletzt.

Neben medizinischer und bürokratischer Hilfe bräuchten die meisten hier auch psychologische Unterstützung. Doch daran ist im Moment kaum zu denken. Palast des Friedens, Hotel Africa - die Namen führen in die Irre. In Wirklichkeit ist der Palazzo Salaam vor allem eine tickende Zeitbombe.

© Süddeutsche.de/joku/luk
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