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Flüchtlinge in Berlin:Auf dem Pulverfass

Flüchtlingscamp Demonstration

Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen), spricht mit einem Vertreter der Flüchtlinge vom Kreuzberger Flüchtlingscamp.

(Foto: dpa)

Der Berliner Asylprotest eskaliert: 250 Flüchtlinge und ihre Unterstützer stürmen das Kreuzberger Rathaus, um gegen den Umgang der Stadt mit Heimatlosen zu demonstrieren. Die Politik weiß nicht, wie sie auf das Problem reagieren soll.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Irgendwann knallt ein Flüchtling eine Brieftasche auf den Tisch, klappt sie auf, er ist jetzt ziemlich wütend, und zieht Plastikkarten heraus, eine nach der anderen. "Hier", sagt er, "Gesundheitskarte aus Italien, Aufenthaltsgenehmigung, Ausweis. Wir haben alles. Unsere Asylverfahren sind abgeschlossen. Wir dürfen uns frei bewegen in ganz Europa, aber wir dürfen nicht arbeiten, gar nichts."

Nun wird es kalt

Donnerstagmorgen im Berliner Armeleuteviertel Wedding, Besuch in einem Altenheim, dem die Alten abhanden gekommen sind. Das hier ist ein Heim der Caritas, das für Senioren nicht mehr taugt, weshalb 80 Flüchtlinge hier einziehen durften. Fast alle sind Männer aus afrikanischen Ländern, viele sind über Libyen nach Lampedusa geflohen und auf eine Odyssee durch Europa geschickt worden. Zuletzt haben sie auf dem Oranienplatz in Kreuzberg gelebt, in Zelten, haben gegen das Arbeitsverbot für Flüchtlinge protestiert, die Residenzpflicht, Abschiebungen. Nun wird es kalt und es gibt Ärger, also hat die Caritas die Geflohenen aufgenommen. Die Zelte aber, die sie zurückgelassen haben, sind zu einem Politikum geworden.

Man könnte auch sagen: zum Pulverfass. Mancher würde da gern zündeln.

Die linke Szene in Kreuzberg zum Beispiel scheint wenig gegen einen Krawall ums Camp am Oranienplatz zu haben. Das sollte bis auf ein Infozelt verschwinden vor ein paar Tagen, weil die Flüchtlinge ins Altenheim im Wedding verfrachtet wurden. Kaum aber wollte die Polizei die Schlafzelte abbauen, saßen schon neue Flüchtlinge drin. Dazu erschienen ein paar hundert Unterstützer zur Spontandemo gegen die Räumung. Ergebnis: 31 verletzte Beamte, Pfefferspray auf bei den Seiten - und eine Bezirksbürgermeisterin in der Klemme.

"No border, no nation, stop deportation"

Monika Herrmann ist eine kernige Person, die noch nicht lange Bürgermeisterin ist in Kreuzberg. Sie ist von den Grünen und hat jetzt alle Not, das Kreuzberger Selbstverständnis eines weltoffenen Biotops zu verteidigen. Viele Berliner, allen voran Innensenator Frank Henkel (CDU), verstehen nicht, warum Kreuzberg immer mehr Flüchtlingen Zuflucht gewährt. Eine ausrangierte Schule wurde da zur Verfügung gestellt. Das Haus ist total kaputt, es gab Streit unter Flüchtlingen, eine Messerstecherei. Auch die grüne Bürgermeisterin erklärte das Projekt für gescheitert, und weil der Winter kommt, hob sie gleich auch noch die Duldung für das Flüchtlingscamp am Oranienplatz auf. Die Bewohner bekamen ein Plätzchen im Altenheim, aus dem Abbau der Zelte aber wurde nichts, wie gesagt, weil die "Kiezmiliz" auftauchte.

Der Dank für die chaotische Aktion erreichte Monika Herrmann am Mittwochabend. Da tagte im Kreuzberger Rathaus das Bezirksparlament, genauer gesagt: Es wollte tagen, als 250 junge Leute aller möglichen Muttersprachen mit Pudelmützen und Transparenten herein stürmten, Tribüne und Rednerpult besetzten, nach Kräften rauchten und schimpften, im Saal herumkletterten und Sachen skandierten wie "No border, no nation, stop deportation".

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