bedeckt München

Finnland und Russland:Eine besondere Beziehung: Historisch, geografisch, politisch

Finnland hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Russland. Kein europäischer Staat teilt eine längere Grenze mit den Russen, keiner hat eine vergleichbare gemeinsame Geschichte. Bis zur Unabhängigkeit 1917 war Finnland ein russisches Großfürstentum. Im Zweiten Weltkrieg unterlag es den Sowjets, wurde jedoch nicht besetzt. Stattdessen bekam Finnland einen Sonderstatus zwischen Ost und West - "Finnlandisierung" lautet der Begriff dafür. Heute ist Finnland EU-Mitglied, doch die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland sind noch eng. Entsprechend hart treffen die Ukraine-Sanktionen das nordische Land.

Der Nato ist Finnland bis heute nicht beigetreten. Die meisten Bürger - 58 Prozent nach der jüngsten Umfrage - lehnen dies immer noch ab, nur 26 Prozent befürworten den Beitritt. Gleichzeitig fühlen sich aber mehr als die Hälfte der Finnen durch Russland bedroht. "Das ist ein neues Russland", sagt Teija Tiilikainen, Direktorin am Finnischen Institut für Internationale Beziehungen in Helsinki. Die russische Aggression in der Ukraine habe viele Finnen überrascht.

Die Menschen erinnern sich an Krieg und Heimatverlust

"Nun ist die Frage nach Russlands Zukunft offener als je zuvor", so Tiilikainen. Der Trend der vergangenen Jahre verheiße nichts Gutes für Russlands Nachbarn. "All das macht das Leben hier in der hintersten Ecke Europas komplizierter." Tiilikainen rechnet damit, dass der Nato-Beitritt Finnlands ein wichtiges Wahlkampfthema im nächsten Frühjahr werden wird.

Für Mirka Rahman in Lappeenranta ist die Sache klar: Finnland sollte der Nato nicht beitreten. Man sehe es ja schon an den EU-Sanktionen, dass es "uns als Erstes und am härtesten trifft". Die Älteren erinnern sich noch an den Krieg und daran, was es heißt, die Heimat zu verlieren. Die Stadt Wyborg, damals die zweitgrößte Finnlands und kaum eine Stunde von Lappeenranta entfernt, ist heute russisch. Rahman war dort und hat das Haus besucht, das ihre Großmutter verlassen musste. Ein nettes russisches Paar wohnt nun dort und hat sie reingelassen.

Man arbeitet gut mit den russischen Kollegen zusammen

Nach dem Krieg wurde auch jene 1300 Kilometer lange Grenze gezogen, die so oft erwähnt wird, wenn es um Finnlands Reaktion auf die Ukraine-Krise geht. Pasi Nikku von der Grenzwache hat viele Zahlen vorbereitet: Bis zu 10 000 Mal am Tag wird sein Grenzübergang passiert, neun von zehn Passanten sind Russen. Grundsätzlich sei alles harmlos, sagt Nikku, höchstens ein wenig Tabakschmuggel.

Es ist ein ruhiger Tag, vielleicht liegt es am Regen. Eine kurze Autoschlange steht auf der finnischen Seite, Rückreiseverkehr. Man arbeite gut mit den russischen Kollegen zusammen, sagt Nikku. Die finnischen Beamten könnten besser gefälschte Dokumente entlarven. Dafür seien die Russen gut darin, Leute abzufangen, die illegal über die Grenze wollen. Auf finnischer Seite machen höchstens Touristen Ärger, die ein Selfie vor dem Grenzzaun schießen wollen - ein Andenken vom Rand Europas.

Zurück in Lappeenranta, ist die größte Sorge von Bürgermeister Kimmo Jarva, dass Russland diese Grenze wieder dichtmachen könnte. Bisher betreffen die EU-Sanktionen nur hohe Politiker. Auf kommunaler Ebene versuchen Jarva und seine Kollegen in Wyborg und Sankt Petersburg die Dinge normal weiterlaufen zu lassen. Über Politik spricht Jarva mit den Russen nicht, sie dächten einfach zu unterschiedlich über die Situation in der Ukraine. Politik ist schlecht fürs Geschäft. Und Lappeenranta lebt von den Russen. Demnächst bekommt es eine Ikea-Filiale.

© SZ vom 18.10.2014
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema