Filbinger-Debatte Lückenhafte Entnazifizierung

Nach dem Krieg machten viele überzeugte Nationalsozialisten in Politik und Gesellschaft Karriere. Einige wurden erst spät entlarvt. Bekanntes Beispiel ist der CDU-Mann Hans Globke - Staatssekretär unter Adenauer.

Von Joachim Käppner

Oettingers den Fakten hohnsprechende Beweihräucherung des NS-Marinerichters Filbinger erinnert an jene Skandale, welche die alte Bundesrepublik immer wieder erschüttert haben. Der erste, ganz große Skandal drehte sich ab 1960 um den CDU-Staatssekretär Hans Globke, über den Kanzler Konrad Adenauer seine schützende Hand hielt. Globke hatte als Jurist einen wohlwollenden Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 verfasst, mit denen die Entrechtung der Juden in ein neues Stadium eingetreten war.

Hans Globke (r.) war enger Mitarbeiter des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer

(Foto: Foto: AP)

Globkes bester Schutz war der Kalte Krieg. Zahlreiche Enthüllungen gingen auf Stasi-Material aus NS-Archiven in Ostdeutschland zurück; das MfS streute die Akten gezielt gegen den "Bonner Staat der Kriegsverbrecher". Das machte es den Angegriffenen leicht, sich als Opfer kommunistischer Hetzkampagnen aufzuspielen und der Frage nach der eigenen Verantwortung auszuweichen.

Akten aus der DDR

Die Ost-Berliner Akten stürzten 1960 den Bonner Vertriebenenminister Theodor Oberländer, der wegen seiner angeblichen Beteiligung an der Ermordung jüdischer Professoren in Lemberg in der DDR sogar in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Diese Tat konnte dem ehedem überzeugten Nazi und Antisemiten aber nie nachgewiesen werden.

Ein weniger bekannter Fall war ausgerechnet Oberstaatsanwalt Erwin Schüle, der erste Leiter der Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg; er hatte wohlweislich seine Mitgliedschaft in NSDAP und SA verschwiegen. Dass er 1965 gehen musste, lag allein daran, dass ein Mann mit dieser Vorgeschichte in der Position nicht haltbar war; die Mitgliedschaften allein galten noch keineswegs als ehrenrührig.

Hans Filbinger, und darin liegt die Bedeutung seines Falls, steht für einen der Wendepunkte im Umgang mit der NS-Vergangenheit von Vertretern aus Politik und Gesellschaft. Sein demonstrativer Opfergestus entsprach völlig der Haltung, die viele frühere Parteigänger des NS-Regimes verkörperten. 1978 genügte diese Art der Selbstrechtfertigung nicht mehr. Filbinger trat ab - aber wie einst auch Oberländer ohne jede Einsicht.

Doch die Zeit hatte sich gewandelt. In den fünfziger und sechziger Jahren hätte die beiläufige Selbstenthüllung des Schriftstellers Günter Grass, als Halbwüchsiger kurz Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, wohl kaum jemanden aufgeregt. Wahrscheinlich wäre es ihm damals sogar als Bekenntnismut ausgelegt worden.

Heute fragen jüngere Generationen nach der persönlichen Verantwortung. Spektakulär war noch in den neunziger Jahren die Enthüllung, dass es sich bei dem Aachener Hochschulrektor Hans Schwerte in Wahrheit um den früheren SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider handelte, der sich mit dem symbolträchtigen Satz rechtfertigte: "Ich habe mich doch selbst entnazifiziert!"