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Fidel Castro:König David

Kubas Staatschefs war eine der Über-Figuren des 20. Jahrhunderts. Er war Revolutionär, Chefarzt und Ideologe, aber er war auch Kerkermeister und Unterdrücker. Für viele in Europa ist er bis heute ein Mythos.

Von KURT KISTER

Das noch junge 21. Jahrhundert ist bisher von drei großen Entwicklungssträngen geprägt: Da ist einmal die in guter wie in schlechter Hinsicht entgrenzende Globalisierung, getrieben von der Digitalisierung; da ist die Krise des westlichen Kapitalismus; und schließlich die multipolare, bisweilen ins Chaotische lappende internationale Unordnung der Weltläufte. Die rasante Veränderung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist höchst frappierend. Dazu gehört, dass sich in sehr unterschiedlichen Ländern Bewegungen bildeten, die ein ähnliches Ziel haben: Sie wollen einen Teil jener "Ordnung" - sogar die CSU nennt ihr Parteiprogramm jetzt so - wieder herstellen, indem sie die destabilisierende Entgrenzung irgendwie rückgängig zu machen versuchen.

Der Mythos überlebte auch die Jahre des Trainingsanzugs

Fidel Castro begann als Freiheitskämpfer, als Revolutionär, der vor 70 Jahren die damals in seiner Heimat bestehende, brutale "Ordnung" umstürzen wollte. Er hatte Erfolg. Er starb allerdings als ein Mann, der wohl alles dafür gegeben hätte, seine Ordnung, die auch durch Unfreiheit charakterisierte institutionalisierte Revolution, zu erhalten. Aus dem Revoluzzer wurde im Laufe zweier Generationen ein sturköpfiger Konservativer im Sinne des Wortes: einer, der seine Ideologie, seinen Staat bewahren wollte, leider um fast jeden Preis. Notabene, auch unter linken Konservativen findet man bis heute die übelsten Reaktionäre, man möge nur nach Nordkorea oder China blicken.

Ein Monument allerdings war Fidel Castro. Auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde von drei großen weltpolitischen Entwicklungssträngen geprägt: dem Ost-West-Konflikt, dem allmählichen Niedergang des Sozialismus sowjetischer Prägung sowie der Entkolonialisierung und der damit verbundenen Globalisierung des Nationalstaatsgedankens. Castro vereinte all diese Prägungen in sich: Er war Kommunist, Freiheitskämpfer, Nationalist, Anti-Imperialist (eine Umschreibung für Feind der USA), Sozialrevolutionär und Unterdrücker.

Niemand anderer, weder der säkulare Revolutionsheilige Che Guevara noch Nelson Mandela, auch kein Tito oder Nasser, verkörperte so sehr diese Epoche, niemand war so lange an der Macht. Auch wenn Castro nun seit Jahren eine Trainingsanzugs-Existenz führte, so blieb er sogar dabei mehr als nur das atmende Denkmal seiner selbst - in jedem Fall für viele Besucher, die aus jenem Teil der Welt kamen, den man früher einmal die Dritte Welt nannte.

Der Mythos Castro bewegt nicht nur Lateinamerika oder Teile Afrikas. Auch und gerade in Europa, dem alten Westen wie dem alten Osten, war Castro eine Identifikationsfigur vieler Linker, was sich in Deutschland nicht nur an den Kuba-Tischen auf Parteitagen von der SED über die DKP bis hin zur PDS und später zur Linkspartei zeigte. Es gab sogar etliche Rechte, die Castros Kuba nicht so schlecht fanden - in erster Linie, weil sie sich mit Fidel in der tiefen Gegnerschaft zu den "Yanquis" einig wussten. Gewiss, dafür konnte Castro nichts, aber immerhin war sein revolutionärer Subventionsstaat über Jahrzehnte hinaus und auch nach dem Fall der Sowjetunion der tiefste Stachel im Fleische der USA. Deswegen pflegten die Yanquis auch ein paranoides, destruktives Verhältnis zu Castros Insel.

Die Bewunderung, ja Verehrung, die Castro entgegengebracht wurde, hatte viel damit zu tun, dass man sich lieber auf die Seite Davids als auf die Goliaths schlägt. Dass aus Castro, dem David von 1959, im Laufe der Zeit ein absolutistischer Kleinkönig wurde, der sich an der Macht hielt, weil ihn ein anderer Goliath, der östliche, unterstützte, focht seine Freunde nicht sehr an. Und die Freunde in Europa waren weit genug weg von Kuba, um nicht jenen Mangel zu leiden, dem Kuba nach dem Tod der Sowjetunion ausgesetzt war. Die Hilfe aus Venezuela, vom ölreichen Rothemd-Populisten Chávez, schaffte nur vorübergehend Erleichterung. Angesichts der Weltlage, auch weil Castro nun nicht mehr lebt, wird sich das sozialistische Kuba in absehbarer Zeit sehr wandeln. Es gibt bereits so etwas wie einen Endzeit-Tourismus: noch einmal nach Kuba, bevor es eine Mischung aus Miami und All-Inclusive-Dom-Rep wird.

Fidel Castro war die langlebigste der Über-Figuren des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur der seltene Typus des erfolgreichen Revolutionärs, sondern auch die Verkörperung des sozialistischen Personenkults, ein Volkstribun und Genussmensch, ein Kerkermeister und Chefarzt. In den letzten Jahren aber war er aus der Zeit gefallen. Ihm widerfuhr, was vielen älteren Menschen, nicht so drastisch wie ihm, widerfährt: Sie verharren in Geist und Gefühl in einer Gegenwart, die längst Vergangenheit geworden ist.

© SZ vom 28.11.2016

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