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Festnahme am Köln-Bonner Flughafen:"Alles falsch gemacht"

Die beiden auf dem Flughafen Köln-Bonn festgenommenen angeblichen Islamisten sind vorerst frei. Die Kritik an den Umständen der Verhaftung wächst.

Hans Leyendecker

Die beiden Ende September auf dem Flughafen Köln-Bonn festgenommenen angeblichen Islamisten Omar D. und Abdirazak B. sind aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Erst einen Tag zuvor hatten ihre Anwälte beim Bonner Amtsgericht Haftbeschwerde eingelegt. Die Bonner Staatsanwaltschaft wartete die Entscheidung des Haftrichters nicht ab, sondern setzte sie auf freien Fuß. "Die Indizien der Ermittler waren und sind äußerst dürftig", erklärte der Anwalt Mutlu Günal, der D. vertritt.

Zu Unrecht festgenommen? Der Somalier Abdirazak B.

(Foto: Foto: ddp)

Die spektakuläre Festnahme der beiden jungen Männer an Bord eines Flugzeugs hatte schon zuvor in Sicherheits- und in Justizkreisen zu erheblichen Verstimmungen geführt. Auffällig war, dass die Karlsruher Bundesanwaltschaft strikt eine Übernahme des Bonner Falles ablehnte.

Bundesanwalt Walter Hemberger hatte in einem internen Vermerk festgestellt, dass es weder einen Anlass für eine Übernahme durch seine Behörde gebe, noch könne er "den Verdacht einer Straftat erkennen". Die Bonner Strafverfolger ermitteln gegen die beiden Männer allerdings weiterhin wegen Verdachts der Verabredung zu einem Verbrechen. Weniger geht strafrechtlich nicht, wenn die Akte offen bleiben soll.

Vertreter mehrerer Behörden kritisierten in Hintergrundgesprächen insbesondere die Staatsschützer des Düsseldorfer Landeskriminalamtes (LKA), die am frühen Morgen des 26. September den Befehl zum Zugriff gegeben hatten: "Da wollte einer keinen Fehler machen und hat dann alles falsch gemacht", grollt ein hochrangiger Berliner Sicherheitsbeamter.

Über das wahre Motiv für den Zugriff wird unter Staatsschützern spekuliert. Einen Tag vor der Festnahme war die spektakuläre öffentliche Fahndung nach den Islamisten Eric Breininger und Houssain al-Malla angelaufen, die möglicherweise auf dem Rückweg aus einem Ausbildungslager nach Europa sind.

Eine Quelle einer Landesbehörde hatte einen entsprechenden Hinweis gegeben. "Da ist dann jemand nervös geworden", sagt der Berliner Sicherheitsfachmann. In dem ungewöhnlich kargen Haftbefehl wurde den in Somalia geborenen Männern vorgeworfen, dass sie möglicherweise einen Selbstmordanschlag begehen wollten.

Die aus Bonn und Rheine stammenden Männer sind sehr religiös und gehören zu einer Szene, die seit langem von Beamten des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz beobachtet wird. Der Verdacht der Ermittler wurde beispielsweise durch ein abgehörtes Telefonat genährt, in dem verschlüsselt über einen angeblich geplanten Anschlag im Ausland gesprochen wurde.

Allerdings telefonierten nicht B. und der Deutsch-Somalier D. miteinander, sondern zwei ihrer Bekannten. Weil die vier frommen Männer miteinander gut bekannt sind, tauchte der Verdacht auf, die beiden Männer hätten von den angeblichen Plänen gewusst und wollten möglicherweise mitmachen.

Als Indiz wurden in dem Haftbefehl auch zwei SMS zwischen D. und B. angeführt. Dass sie sich im Paradies wiedersehen würden, stand in einer der Botschaften. Nur wenige Stunden später sahen sie sich dann auf dem Kölner Flughafen wieder, der überschaubar, aber kein Paradies ist. Sie wollten via Amsterdam gemeinsam nach Entebbe in Uganda fliegen. Nachdem im Fluggepäck von D. ein Brief seiner Verlobten gefunden wurde, in dem von Abschied und wieder vom Gefilde der Seligen die Rede war, gab das LKA die Weisung, die beiden auf keinen Fall wegfliegen zu lassen.

In dem Brief, der von Ermittlern als letzter Gruß an einen möglichen Selbstmordattentäter verstanden wurde, ist aber auch die Rede davon, dass die beiden möglicherweise bald Kinder haben würden. Die junge Frau schwärmt vom gemeinsamen Leben auf Erden. Das Pärchen suchte in den vergangenen Wochen eine gemeinsame Wohnung. B. hatte erst jüngst Studiengebühren in Höhe von 1545 Euro gezahlt und beide Männer besaßen Rückflugtickets.

Dass sie nach Entebbe fliegen wollten, war den Sicherheitsbehörden schon seit längerem bekannt. Es sollte eine so genannte kontrollierte Ausreise werden. Deutsche Spezialisten wollten sich in Uganda heimlich an die Fersen der beiden Männer heften, um herauszufinden, was die so vor hatten.

© SZ vom 08.10.2008/ssc
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