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Extinction Rebellion:"Aktivisten haben sich bei den Polizisten bedankt"

Eine Forscherin zur Frage, wie radikal die Bewegung ist.

Die Protestforscherin Julia Zilles vom Institut für Demokratieforschung in Göttingen untersucht die "Fridays for Future"-Bewegung. Sie hat auch die Aktionen der neuen Protestbewegung "Extinction Rebellion" beobachtet, die diese Woche in Berlin Straßen blockiert hat, um auf die Bedrohung durch die Klimakrise hinzuweisen. Nun zieht die Forscherin einen ersten Vergleich zwischen beiden Bewegungen.

SZ: Frau Zilles, am Freitag sind wieder Tausende Jugendliche in den Schulstreik gegangen. Wie viele von ihnen haben sich den Extinction-Rebellion-Protesten angeschlossen?

Julia Zilles: Genau wissen wir das natürlich nicht. Die Aktivisten bei Extinction Rebellion sind tendenziell älter als die streikenden Schüler. Einige sind aber auch in beiden Bewegungen aktiv. Schon beim globalen Klimastreik am 20. September haben meine Kollegen und ich viele Extinction-Rebellion-Schilder und rote Roben gesehen.

Rote Roben?

Aktivisten in roten Roben und mit weiß geschminkten Gesichtern, die sogenannten Red Rebel Brigades. Ursprünglich war das eine Straßentheater-Performance, die sich ein Künstler aus Bristol ausgedacht hat. Extinction Rebellion hat sie übernommen und führt sie nun bei Aktionen auf. Die rote Farbe symbolisiert das Blut, das alle Lebewesen verbindet. Die "Red Rebels" sprechen nicht, sie gucken lediglich stumm in die Ferne. Eine recht pathetische Symbolik.

Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth kritisiert, Extinction Rebellion sei keine gewaltfreie Klimabewegung, sondern eine esoterische Sekte, die naiv den Weltuntergang predige, statt aufzuklären.

Das würde ich so nicht sagen. Aber ich finde auch, dass Extinction Rebellion Aspekte hat, die untypisch sind für Protestbewegungen. Vor allem, was das Konzept des zivilen Ungehorsams angeht. Bei den Atommülltransporten oder auch im Hambacher Forst gab es ein Ziel - und der zivile Ungehorsam in Form einer Blockade war der Weg, es zu erreichen: den Braunkohleabbau lahmzulegen. Die Leute von Extinction Rebellion haben ihre Blockaden aber lange vorher angekündigt, damit sich die Stadt und die Polizei darauf einstellen können. Dadurch wird die Methode vom Thema entkoppelt und selbst in den Mittelpunkt gerückt.

Extinction Rebellion - Berlin

Augen zu und das Logo der Bewegung aufs Gesicht gemalt: eine „Extinction-Rebellion“-Aktivistin bei einer Blockade diese Woche in Berlin.

(Foto: dpa)

Ziviler Ungehorsam als eine Art Straßentheater?

Dahinter steckt durchaus ein ernsthaftes politisches Anliegen. Um heute Aufmerksamkeit für ein politisches Anliegen zu bekommen, braucht es plakative Motive und Bilder, die in sozialen Medien geteilt werden können. Bei Extinction Rebellion stehen der Inszenierungscharakter und die Emotionalisierung des Themas recht stark im Vordergrund.

Will nicht auch Fridays for Future das Thema emotionalisieren?

Die streikenden Schüler weisen ebenfalls auf das drohende Massensterben hin, richten sich dabei aber sehr konkret an die Politik. Das ist für mich gerade das Interessante an dieser Bewegung: dass sie keine utopischen Forderungen stellt, sondern die Politik lediglich in Haftung nimmt, sich an das zu halten, was sie selbst beschlossen hat, etwa beim Pariser Klimaabkommen.

Extinction Rebellion fordert "Bürgerversammlungen", die über die Klimapolitik entscheiden sollen. Was erhoffen sich die Aktivisten davon?

Einer der Slogans von Extinction Rebellion lautet: Hope dies, action begins. Die Aktivisten setzen also offenbar keine Hoffnung mehr in die Politik, sondern sagen sich: Wir müssen selbst handeln, bevor es zu spät ist. Das ist bei Fridays for Future immer noch anders. Greta Thunberg hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie etwas damit bewirken kann, wenn sie zum Beispiel vor der UN spricht.

Wie radikal ist Extinction Rebellion Ihrer Einschätzung nach?

Julia Zilles, Jahrgang 1987, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Sie erforscht Konflikte, die sich aus Klimakrise und Energiewende ergeben.

(Foto: privat)

Die Bewegung ist zu vielfältig, um darüber insgesamt ein Urteil zu fällen. Sie versucht, sehr offen und bunt zu sein, jeder soll mitmachen können, unabhängig von seiner politischen Orientierung. Bei den Blockaden wurde getrommelt, getanzt, Qi Gong gemacht. Aktivisten haben sich sogar bei den Polizisten bedankt, die sie weggetragen haben.

Zivilen Ungehorsam leisten, also Gesetze brechen - und zugleich mit der Polizei kooperieren: Widerspricht sich das nicht?

Ja, das tut es. Die Frage ist: Was passiert, wenn es irgendwann einmal nicht mehr harmonisch läuft mit der Polizei? Wie reagiert dann die Bewegung? Und vor allem: einzelne Personen?

Was vermuten Sie?

Ob sich Extinction Rebellion oder einzelne Aktivisten radikalisieren, kann man derzeit einfach noch nicht sagen. Aber die Bewegung sagt klar, dass sie auf keinen Fall Gewalt in irgendeiner Form will. Das ist ganz zentral für sie. Deshalb muss man sich fragen, was Radikalität in diesem Zusammenhang eigentlich bedeutet.

Einige linke Klimaaktivisten haben sich über die betont düstere und unkämpferische Symbolik der Extinction-Rebellion-Proteste lustig gemacht.

Die Bewegung erzeugt Irritation auf allen Seiten. Ich glaube aber nicht, dass Extinction Rebellion eine Weiterentwicklung von Fridays for Future ist, wie manche jetzt behaupten. Eher eine Ergänzung. Die Bewegung zeigt, wie vielfältig Protest sein kann. Aber sie hätte ohne Fridays for Future wahrscheinlich nicht die Aufmerksamkeit, die sie derzeit erhält.