Evangelische Kirche Eine Ressource namens Mitgefühl

Wie Heinrich Bedford-Strohm, der Bischof und neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, das Land mitgestalten will.

Von Matthias Drobinski, Bremen

So, wie Heinrich Bedford-Strohm im fensterlosen Saal des Bremer Maritim-Hotels redet, ist er das fleischgewordene "Wir schaffen das." Wie der 55-Jährige mit dem strahlenden Jungsgesicht die Arme ausbreitet und die Stimme hebt, als er von den Flüchtlingen erzählt, die am Münchner Hauptbahnhof ankamen, und den Menschen, die spontan halfen; "gegenüber all den Leid- und Todbildern" sei das eine "wunderbar verkehrte Welt" gewesen. Dann liest er die Mail einer christlichen Syrerin vor, sie berichtet von 25 Menschen, die sich aus Angst vor dem IS nach Europa aufmachten, und dann die zweite Mail der Frau: "Gerade erhielten wir die Information, dass von den Verschwundenen bis jetzt zehn ertrunken am Strand in der Türkei angespült wurden." Er schluckt. Später, nach seinem ersten Bericht als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sagt er den Journalisten: Nach der ersten Euphorie müsse nun die "Ressource Empathie", also Mitgefühl, durch die Krise tragen.

Vergangenen November hat die Synode, das Parlament der EKD, Bedford-Strohm zum Ratsvorsitzenden für ein Jahr gewählt. Er sprang ein für Nikolaus Schneider, der sich um seine krebskranke Frau kümmern wollte; Schneider wiederum war 2010 für Margot Käßmann eingesprungen. Nun soll die Phase der Übergänge enden. Am Dienstag wählt die Synode einen neuen Rat. Und der wird, wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, am Mittwoch Heinrich Bedford-Strohm für sechs Jahre zum Ratsvorsitzenden wählen, zum obersten Repräsentanten der 23 Millionen Protestanten in Deutschland. Der Ratsbericht, den er am Sonntag abgegeben hat, zeigt, wie er dieses Amt ausüben will.

Vor seiner Wahl: Heinrich Bedford-Strohm (links), hier mit Josef Schuster vom Zentralrat der Juden.

(Foto: Markus Hibbeler/dpa)

Dies ist ein Bischof, der Waffenlieferungen an Kurden gut findet

Bedford-Strohm lässt nicht einfach mit Bibelzitaten angereicherten Optimismus in den Saal strömen. Er wird dezidiert. Für die christlichen Kirchen sei "eine rechtliche Herabstufung von syrischen Flüchtlingen und eine Flüchtlingspolitik der Abschreckung und der Abschottung gegenüber Menschen, die vor dem Horror des IS fliehen, nicht akzeptabel", sagt er unter dem Applaus der 120 Synodalen. Den lautesten Beifall gibt es für die harten Worte gegen rechts: "Wenn Wortführer einer radikalisierten ,Alternative für Deutschland' unverhohlen rechtsradikale Ressentiments schüren und in Pegida-Demonstrationen hasserfüllte Parolen skandiert werden, dann hat das mit einem lebendigen Diskurs, wie ihn die Demokratie braucht, nichts mehr zu tun", ruft er in den Saal. Und: "Wer in dieser schwierigen Situation Gift in die deutsche Gesellschaft streut, stellt sich gegen alles, was das Christentum in seinem Kern ausmacht."

Als Sozialethik-Professor hat Bedford-Strohm die Thesen der "öffentlichen Theologie" weiterentwickelt, die sein Lehrer Wolfgang Huber formuliert hat, einer der Vorgänger im Amt des Ratsvorsitzenden. Ihr zufolge soll die Kirche aus ihrem Glauben heraus das Land mitgestalten. Sie soll nicht einfach die Moralagentur des Staates sein, sondern kritisch Distanz halten; sie soll sich aber auch nicht entweltlichen, wie das zum Beispiel Papst Benedikt XVI. gewünscht hat. Sie ist eine Art Nichtregierungsorganisation, die Gott in die Welt bringt - und die Maßstäbe der Bibel, die sich aus religiösen Gründen in die politische Debatte stürzt.

Antisemit Luther

Die evangelische Kirche soll sich endgültig von der "Judenmission" verabschieden - das fordert Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er kritisierte damit eine geplante Erklärung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Reformationsjubiläum 2017, die sich mit Martin Luthers Antisemitismus beschäftigt. Zwar sei es lobenswert, dass sich die EKD "klar von den antisemitischen Seiten Luthers distanziert", sagte Schuster in einem Grußwort an die Synode, die in Bremen tagt. Beim Thema Judenmission bleibe die Erklärung aber "leider sehr vage". Konservative evangelische Christen pochen darauf, auch Juden zu Jesus bekehren zu können, viele Landeskirchen haben dem eine Absage erteilt. An diesem Montag soll die Synode über die Erklärung abstimmen. Matthias Drobinski

Im Jahr des Interims-Vorsitzes hat Bedford-Strohm das umgesetzt. Er ist in den Irak zu den vertriebenen Christen gereist, und auf den Balkan zu den Flüchtlingstrecks. Er lud zu einer europäischen Konferenz nach München ein, damit die Kirchen sich besser koordinieren. Er hat sich mit Kardinal Marx zusammengetan, um die Durchschlagskraft kirchlicher Argumente zu erhöhen; gemeinsam haben sie bei Horst Seehofer sowie Thomas de Maizière für eine großzügige Aufnahme geworben. Er ist überzeugt: Stacheldraht wird Flüchtlinge nicht aufhalten, aber Humanität zerreißen. "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch" - den Satz aus dem Matthäusevangelium hat er seinem Ratsbericht vorangestellt.

So wenig wie einst Huber ist Bedford-Strohm einfach ein Vertreter des Linksprotestantismus; darauf legt er Wert. So trat er nach seiner Irak-Reise für Waffenlieferungen an die Kurden ein, und wenn er für eine große Integrationsanstrengung, für den Dialog mit den Muslimen, wirbt, dann stellt er klar: Bei der Achtung der Menschen- und besonders Frauenrechte kann es so wenig Abstriche geben wie beim Kampf gegen Antisemitismus. Die "Ethik der Empathie" schließt Realismus nicht aus, ist seine Botschaft.

Und dann ist da noch dieser nicht zu trübende Optimismus, um den ihn jeder amerikanische Fernsehprediger beneiden dürfte. Wo Wolfgang Hubers intellektuelle Schärfe Bewunderung erregte, aber auch Verletzte hinterließ, gelingt es Bedford-Strohm, die Menschen zu fischen. Im fensterlosen Raum des Maritim-Hotels in Bremen funktioniert das. In einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft wird diese Fähigkeit dringend nötig sein.