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Europa nach dem Brexit:Eine Nordströmung in Berlin

The sun sets over the Oresund Bridge between Sweden and Denmark, in Malmo

In die eine Richtung ist sie offen, in die andere nicht: die Öresund-Brücke zwischen Schweden und Dänemark.

(Foto: Johan Nilsson/Reuters)

Die Regierungschefs aus Schweden, Dänemark, Finnland sowie den Niederlanden reisen zur Kanzlerin. Es wird auch um die Flüchtlingspolitik gehen.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Nun darf also der Norden vorsprechen. Angela Merkel empfängt die Regierungschefs aus Schweden, Dänemark, Finnland und den Niederlanden am Freitag auf Schloss Meseberg in Brandenburg. Im Süden war Merkel bereits, im Osten auch, zu Gesprächen in Italien, Estland, Tschechien und Polen. Die Männer aus dem Norden kommen nun zu ihr. Ihnen ist wichtig, dass die Interessen der kleinen, wirtschaftlich starken und Europa gegenüber loyalen Länder in Skandinavien nicht vergessen werden, wenn sich die Briten verabschieden. Das gilt vor allem für Dänemark und Schweden, die wie Großbritannien außerhalb der Euro-Zone stehen. Sie verlieren ihren wichtigsten Verbündeten.

In einem Europa der zwei Geschwindigkeiten wären sie unter den Langsameren

Umso enger wollen sie sich jetzt an Deutschland binden. "Die Schweden haben Sorge, dass das Leben außerhalb der Euro-Zone für sie nun schwieriger wird", sagt Björn Fägersten, der das Europaprogramm am Institut für Internationale Beziehungen in Stockholm leitet. Durch engere Beziehungen zu Deutschland wollen sie ihre Interessen schützen. "Es ist wichtig, dass Deutschland jetzt nicht nur den Italienern und Franzosen folgt. Wir wollen keinen exklusiven Club", sagt Derek Beach, Politikwissenschafter an der Uni Aarhus in Dänemark. Auch die Menschen außerhalb des gemeinsamen Währungsraums müssten gehört werden.

Dänemark und Schweden wollen eine Union der zwei Geschwindigkeiten vermeiden, bei der sie zu den langsameren gehören würden. Und sie wollen die Briten weiter so eng wie möglich an die EU binden - auch wenn das heißt, ihnen bei den Brexit-Verhandlungen stark entgegen zu kommen. Dänemark wird selbst oft als Rosinenpicker beschrieben. Es hat sich Ausnahmen von den EU-Verträgen ausgehandelt. Nicht genug, finden die Euroskeptiker in Kopenhagen, die Dänische Volkspartei. Sie möchten aus dem britischen Votum Kapital schlagen, am liebsten auch Dänemarks EU-Beziehungen neu verhandeln. Für einen Austritt gibt es aber keine Mehrheit. "Hätten wir ein Referendum in Dänemark, wäre der Ausgang ein klarer Verbleib", so Politikwissenschaftler Beach. Eine andere Abstimmung über mehr Zusammenarbeit mit Brüssel fiel im Dezember negativ aus. Seither ist Dänemarks künftige Kooperation mit der europäischen Polizeibehörde Europol ungewiss - ein Problem, das wegen des Brexit erst mal warten muss.

Ein wichtiges Thema bei dem Treffen mit Merkel dürfte die Flüchtlingspolitik werden, bei der sich Dänemark mit seiner restriktiven und Schweden mit seiner großzügigen Politik sehr unterschieden haben. Entsprechend verübelten die Dänen Merkel stärker, dass sie die Menschen nach Norden durchließ. Nun kontrollieren beide Länder seit Jahresanfang ihre Grenzen.

Die Flüchtlingsfrage ist auch für Finnland wichtig, das als voll integriertes Euro-Land aus der Reihe fällt. "In Finnland wird stark darauf geschaut, was Deutschland macht", sagt Niklas Helwig, EU-Experte am Institut für Internationale Beziehungen in Helsinki. Die Finnen fänden es gut, wenn sich Merkel für den Zusammenhalt engagiere. Weil weder Finnland noch Schweden der Nato angehören, betrachten die beiden Ländern ihre Mitgliedschaft in der EU auch als Teil ihrer Sicherheitsstrategie. In Finnland hoffe man darauf, dass der Brexit einen Ausbau der Europäischen Verteidigungspolitik ermögliche, so Helwig. Großbritannien habe dort in der Vergangenheit eher gebremst.

© SZ vom 26.08.2016
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