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Europa:Mit Verve

Französischer Präsidentschaftskandidat Macron zu Besuch in Berlin

Europäische Diskussion: Emmanuel Macron (Mitte) unterhält sich in Berlin mit Sigmar Gabriel und dem Philosophen Jürgen Habermas.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Philosophisch und konkret: Jürgen Habermas erklärt in Berlin, was Solidarität ist - in einer Diskussion mit Sigmar Gabriel und einem französischen Stargast.

Meistens plaudern die Leute bis zur letzten Sekunde. Sie quatschen halt, bis die Veranstaltung los geht. Ganz selten nur werden sie von alleine still und warten gespannt, bis der Stargast auftritt. Doch beim Auftritt von Emmanuel Macron am Donnerstagabend in Berlin ist es genau so gekommen. Es wird leise im überfüllten Auditorium, lange bevor der Besucher aus Frankreich in den Saal einzieht. Die Leute recken die Köpfe, sie lauschen den Schritten, sie wollen ihn persönlich erleben. Das sagt alles über die Bedeutung, die das Publikum dem Franzosen beimisst. Riesengroßer Hoffnungsträger mindestens, für manche gar ein Heilsbringer - so wird der unabhängige Präsidentschaftskandidat an diesem Abend empfangen.

Natürlich ist das nicht völlig überraschend, wenn man bedenkt, wer sonst noch zum Kampf um den Élysée-Palast antritt. Aber die Erwartungen an Macron erscheinen inzwischen selbst in Berlin so übermächtig, dass der in diesem Moment eher schmächtig und müde wirkende Franzose Gefahr läuft, im Falle eines Wahlerfolgs nicht nur Glück, sondern bei manchen Enttäuschung auszulösen.

Dazu passt, dass in dem knapp einstündigen Auftritt an der Berliner Hertie School of Governance nicht der als entschlossen gepriesene Vorkämpfer für Europa die klarsten Worte wählt, sondern seine Begleiter. Jürgen Habermas, der Philosoph, ist gekommen, um der deutschen Politik - man muss das so sagen - die Leviten zu lesen. Und Sigmar Gabriel, der Neu-Außenminister, würzt das mit einem Aufruf zum Geldausgeben, der seinem Kanzlerkandidaten-Freund Martin Schulz noch Sorgen bereiten könnte. Macron, der Sonnenkönig, liefert beiden die Bühne für feine Provokationen.

Habermas, 87, zeigt Macron, 39, dabei eindrücklich, dass Leidenschaft für Europa keine Frage der Generation sein muss. Da mögen sich in Großbritannien vor allem die Älteren für den Brexit entschieden haben - an diesem Abend ist der wahrscheinlich Älteste im Saal der leidenschaftlichste Werber für mehr Solidarität in Europa. Solidarität, so Habermas, sei kein Zeichen der Nächstenliebe, sondern getrieben vom Eigeninteresse. Man verzichte zum Nutzen anderer, in der Erwartung, dass die das, wenn es nötig wird, umgekehrt genauso tun werden.

Der Philosoph spricht indes nicht nur wie ein solcher. Er wird sehr konkret bei der Frage, was er für falsch hält und was für nötig. Für falsch hält Habermas die von Berlin betriebene Austeritätspolitik. Sie habe in den Euro-Staaten "für ein riesiges Gefälle bei Wachstum, Wohlstand und Arbeitslosigkeit gesorgt", habe deshalb große Aggressivität ausgelöst und die EU "tief gespalten". Seine Botschaft, ganz trocken: Berlin muss umsteuern.

Wolle die Politik das im Bündnis mit der Bevölkerung tatsächlich schaffen, dann müsse sie ihre Ängstlichkeit ablegen und mit den Menschen offen über Alternativen diskutieren - ob der Euro nun abgewickelt werde und man zu flexiblen Wechselkursen mit festen Bandbreiten zurückkehre oder sich eben doch für eine noch engere Kooperation entscheide. Habermas möchte das und erklärt nüchtern, dass Deutschland verantwortlich gemacht werde, sollte Europa scheitern.

Gabriel zeigt sich wenig verlegen. Im Gegenteil: Er ruft alle dazu auf, in Zeiten von Fake News (gefälschten Nachrichten) endlich mit der "falschen Erzählung" aufzuhören, Deutschland müsse zu viel nach Brüssel überweisen. Nein, Deutschland sei nicht der Lastesel, sondern der größte Profiteur eines geeinten Europa. Und deshalb schlage er seiner SPD vor, mit dem Versprechen in den Wahlkampf zu ziehen, mehr Geld für Europa zur Verfügung zu stellen. Das ist bislang wenig populär in Deutschland. Aber es passt zum Gast und zur Chuzpe des Außenministers.

Und Macron? Er verspricht, dass er mit gleicher Verve für Europa kämpfen werde. Dafür aber müsse er erst Frankreich reformieren; anschließend könne er die EU stärken. Diese Linie ist nicht neu. Aber sie schmiegt sich vorzüglich an die der anderen beiden.

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