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ErzieherInnen-Streik:"Mein Maßstab ist nicht Metall"

Thomas Böhle, Chef der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände, hält die Erzieher für Spitzenverdiener im öffentlichen Dienst.

Interview von Detlef Esslinger

Bis Pfingsten müssen Eltern bundesweit noch damit rechnen, dass in den Kitas die Erzieher und Kinderpfleger streiken - mindestens. Bei den Verhandlungen haben die Arbeitgeber bisher noch kein verbindliches Angebot, sondern nur unverbindliche "Vorschläge" unterbreitet. Einen neuen Gesprächstermin gibt es nicht.

SZ: Die Gewerkschaften fordern ein "echtes" Angebot und sagen, dann würden sie sofort den Streik aussetzen. Werden Sie liefern?

Thomas Böhle: Wir haben in der letzten Verhandlungsrunde Vorschläge gemacht und sind gerne bereit, die auch in ein Angebot zu kleiden. Erzieherinnen würden danach bis zu 443 Euro mehr verdienen und Kinderpflegerinnen bis zu 201 Euro. Ich fordere die Gewerkschaften auf, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Also erst mal kein neues, echtes Angebot.

Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Wenn damit eine echte Aufwertung des Erzieherberufs gemeint ist, dann sage ich: Genau das sieht unser Vorschlag dort vor, wo die Anforderungen gestiegen sind.

Sie wollen aber nur einige Berufe in höhere Entgeltgruppen hieven, nicht alle.

In München könnte mehr als die Hälfte der Erzieherinnen und Erzieher von unseren Vorschlägen profitieren. Aber eine pauschale Erhöhung sämtlicher Entgeltgruppen, also aller Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst? Die kann es nicht geben. Das haben wir immer gesagt. Und dabei bleiben wir.

Warum?

Verbesserungen, die sich aus dem Profil eines Berufs ergeben, unterstützen wir. Deshalb haben wir 2009 viele Beschäftigte höher eingruppiert, nicht nur Erzieherinnen und Erzieher, insbesondere auch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Und wir sind auch zu weiteren Verbesserungen dort bereit, wo neue Aufgaben hinzugekommen sind - wie Inklusion und musische Früherziehung. Außerdem sind wir bereit, die Kita-Leitungen kleiner Einrichtungen aufzuwerten und insgesamt nicht nur nach der Zahl der Kinder, sondern auch nach dem Umfang des ihnen unterstellten Personals zu bezahlen.

Kita-Streik - Demonstration in Erfurt

Streikende Erzieherinnen demonstrieren in der Erfurter Innenstadt.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

In Wahrheit kann Ihnen der Streik doch egal sein. Sie können Erziehern Lohn abziehen, die Beiträge der Eltern fließen aber weiter.

Dieser Streik bereitet uns überhaupt keine Freude. Abgesehen davon, dass zum Beispiel der Münchner Stadtrat nächste Woche beschließen will, den Eltern die Gebühren für alle Streiktage zu erstatten: Uns geht es darum, ihnen die geschuldete Leistung zur Verfügung zu stellen, nämlich eine hochwertige Kinderbetreuung.

Sie haben neulich erklärt, sollte bei den Erziehern künftig der Uni-Abschluss zum Standard werden, würden sie automatisch besser bezahlt. Wieso?

Wenn wir im öffentlichen Dienst Entgeltgruppen bilden, sind die Kriterien immer: die Tätigkeit und welche Qualifikation die verlangt. Wenn etwa für die Tätigkeit von Erzieherinnen und Erziehern künftig ein Hochschulabschluss verlangt würde, hätte dies selbstverständlich Auswirkung auf die Eingruppierung. Im Übrigen finde ich es immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen heute glauben, Erzieher hätten ein Studium - weil sie von der fünfjährigen Ausbildung gehört haben. Aber von den fünf Jahren sind beispielsweise in München zwei Jahre ein Vorpraktikum. Da ist der junge Mensch 16, 17 Jahre alt und lebt noch zu Hause. Dann folgen zwei Jahre auf der Fachakademie und ein Jahr Anerkennungspraktikum, in dem man im Monat 1433 Euro verdient. Haben Sie am Montag das ZDF-"Morgenmagazin" gesehen?

Nein.

Da war ich zu Gast, bin nach Unterföhring ins Fernsehstudio. Die Interviewerin hat behauptet, Erzieher verdienten zwischen 1800 und 3100 Euro. Darauf ich: Nein, nein, der Betrag liegt zwischen 2590 und 3750 Euro, für Leitungen sind es in der Spitze nochmals 1000 Euro mehr. Wie ich mit dem Interview fertig bin, geh' ich unten bei den Pförtnern vorbei. Da sagen die zu mir: Wir hätten nie geahnt, wie viel Erzieherinnen verdienen!

In Deutschland mangelt es trotzdem immer noch an Erziehern. Woran liegt das?

Es gibt seit einigen Jahren den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Also mussten schnell neue Kitas gebaut und bestehende ausgebaut werden. Die Ausbildung der Erzieher hat damit nicht Schritt gehalten.

Am Geld liegt es nicht? In der Metallindustrie liegen Anfängergehälter über denen von manchen Kita-Leiterinnen.

Mein Maßstab ist nicht Metall, sondern der öffentliche Dienst. Dort ist der Erzieherberuf der am besten bezahlte Ausbildungsberuf. Das sei ihnen gegönnt und dokumentiert ihre Wertschätzung durch uns Arbeitgeber. Das engt aber auch die Spielräume für weitere Erhöhungen ein.

Der junge Mensch auf der Suche nach einem Beruf vergleicht aber nicht nur innerhalb des öffentlichen Dienstes, sondern man vergleicht insgesamt.

Glauben Sie wirklich, man richtet sich bei der Berufswahl vor allem nach Geld? Glaube ich nicht. Entscheidend ist doch, wo jemand seine Interessen hat und ob er einen sicheren Arbeitsplatz will.

Höhere Ausgaben werden auf jeden Fall das Ergebnis dieser Tarifrunde sein.

Ich bekomme Briefe von Oberbürgermeistern aus Nordrhein-Westfalen, aus Thüringen, aus Sachsen und aus Sachsen-Anhalt, die mich auffordern, den Forderungen bloß nicht nachzugeben. Bei ihnen sei finanziell Land unter, mit München und wenigen anderen prosperierenden Ballungsräumen gar nicht zu vergleichen.

Einige Zugeständnisse werden Sie machen müssen. Was werden die Konsequenzen in den Kitas sein: höhere Beiträge oder größere Gruppen?

Größere Gruppen - schwierig, wegen gesetzlicher Vorgaben. Höhere Beiträge - auch, weil die dann satt höher sein müssten, und zwar vor allem die Beiträge der Besserverdiener. Nur denen können Sie das ja überhaupt zumuten. Die Beiträge der Eltern decken ja in der Regel weniger als 20 Prozent der Kosten ab. Wir wären dann ganz schnell bei einer Verdoppelung der Kita-Gebühren. Die politische Frage wird dann sein, ob das durchsetzbar ist.

Und die Alternative?

Entweder den Kita-Ausbau einstellen und/oder Einsparungen in allen möglichen anderen Bereichen: Schwimmbäder, Bibliotheken, Straßenbau, Soziales, Zuschüsse an Vereine. Überall.

© SZ vom 15.05.2015
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