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Erste Prognosen:Rückkehr der Roten

Dutch politician Thierry Baudet of the Forum for Democracy speaks after announcement of exit polls results of European elections in Amsterdam

Hatte sich mehr erhofft: Der EU-Kritiker Thierry Baudet.

(Foto: Eva Plevier/Reuters)

In den Niederlanden gewinnen offenbar die Sozialdemokraten, selbst der Parteichef spricht von einem "bizarren Comeback". Die Rechtsradikalen unter Geert Wilders erleiden dagegen überraschend eine herbe Niederlage.

So etwas passiert nicht oft. Ein Wahlergebnis erwischt ein Land und dessen Politiker auf dem völlig falschen Fuß. Viele Niederländer jedenfalls rieben sich am Donnerstagabend ungläubig die Augen, nachdem man dort die Ergebnisse von Nachwahlbefragungen veröffentlicht hatte. Demnach wurde die Arbeitspartei (PvdA) des europäischen Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten, Frans Timmermans, mit 18 Prozent der Stimmen stärkste Partei. Das wäre eine Verdoppelung gegenüber dem Resultat vor fünf Jahren, eine Verdreifachung sogar im Vergleich zu der fürchterlichen Klatsche bei der Parlamentswahl 2017, als die PvdA bei 5,7 Prozent landete.

Nur ein Umfrageinstitut hatte einen derartigen Umschwung zumindest angedeutet. Alle anderen - und viele Medien - hatten einen Zweikampf zwischen dem nationalpopulistischen Forum für Demokratie des Polit-Neulings Thierry Baudet und den Rechtsliberalen von Ministerpräsident Mark Rutte vorhergesagt. Die beiden hatten sich am Mittwoch auch in einem TV-Duell gegenübergestanden, in dem viele Baudet im Vorteil sahen.

Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, es sind nur Umfragen beim Verlassen der Wahllokale; aber die Fehlermarge ist niedrig genug, um den zweiten wichtigen Trend zu erkennen. Die Bäume für die Rechten wachsen nicht in den Himmel. Baudet hatte nicht ohne Grund gehofft, wieder aus dem Stand stärkste Partei zu werden, wie schon bei den Regionalwahlen vor ein paar Wochen. Stattdessen landete das Forum mit etwa elf Prozent auf Rang vier, hinter Rechtsliberalen (15) und Christdemokraten (12). Einen bitteren Abend erlebte Geert Wilders' Freiheitspartei, sie stürzte von den 13 Prozent in 2014 auf nur noch vier Prozent ab. Die beiden rechten und extrem EU-kritischen Parteien holten somit zusammen nur etwa so viele Stimmen wie die Sozialdemokraten. Und das nach all den Krisen in der EU.

Für die PvdA, die seit 2012 eine Wahlkatastrophe nach der anderen verdauen hat müssen, ist das "bizarre Comeback", wie Parteichef Lodewijk Asscher es nennt, ein willkommener Schub. Ob er nachhaltig ist, wird sich weisen. Schließlich ist offensichtlich ein Timmermans-Effekt am Werk. Die Hälfte der PvdA-Wähler gaben an, ausdrücklich für den EU-Kommissar gestimmt zu haben - den die Leute "aus Europa" eben kennen, im Gegensatz zu allen anderen Personen, die auf den Wahllisten standen. Geholfen haben mag Timmermans auch ein diffamierender Wahlspot der linken Sozialisten. Darin wird er als "Hans Brusselmans" dargestellt, der mit heruntergelassener Hose ein Porträt Jean-Claude Junckers anhimmelt, von einem "europäischen Superstaat" träumt und sich am Ende die ganzen Niederlande in Kuchenform einverleibt.

Vor allem aber präsentierte sich Timmermans als einzig sinnvolle Alternative zu den Rechtsparteien. Das kostete vor allem die pro-europäischste Partei, D66, massiv Stimmen.