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Emmanuel Macron:Präsident und Oberlehrer

Frankreichs Bürger erwarten ein bisschen Demut vom Präsidenten.

Von Nadia Pantel

Auf Millionen französischer Handys dürften inzwischen Präsidenten-Selfies gespeichert sein. Jeden seiner öffentlichen Auftritte nutzt Emmanuel Macron, um sich von Bürgern umringen und mit ihnen fotografieren zu lassen. Leider besteht er auch darauf, mit den Bürgern zu diskutieren. Leider deshalb, weil diese Diskussionen oft im Streit enden. Er wolle den Menschen zuhören, sagt Macron gerne. Nur scheint er nicht zuhören zu können, ohne anschließend zu belehren. Die Folge: Wöchentliche absinkende Beliebtheitswerte.

Nun sieht sich Macron gezwungen, seine Regierung neu aufzustellen. Innerhalb weniger Wochen waren ihm drei Minister davongelaufen. Einer der Gründe dürfte sein, dass Macron mit Regierungsmitgliedern ähnlich umgeht wie mit Selfiejägern. Er lässt sich von ihnen ungern die Meinung sagen.

Frankreichs Verfassung begünstigt einen Mann wie Macron, der glaubt, für alles eine Lösung zu kennen. Sie gibt ihm alle Macht. Doch Wähler sind komplizierter als Rechtsdokumente. Sie verlangen im Gegenzug für ihr Vertrauen ein wenig Demut und Nachsicht und auch Zuneigung. Sie nehmen es Macron übel, dass er sich immer wieder benimmt, wie ein ungeduldiger Oberlehrer. Inzwischen schadet ihm dieses Verhalten auch in den eigenen Reihen.

© SZ vom 10.10.2018

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