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Elterngeldreform:Mehr Väterzeit muss sein

Auch wenn es aus dem Familienministerium anders klingt: Die Reform ist Kosmetik. Die Minderheit der Männer nimmt Elternzeit. Ändern würde sich das durch eine Neuaufteilung der Betreuungsmonate.

Von Ann-Kathrin Eckardt

Vor allem zwei Fragen müssen werdende Eltern sehr oft beantworten. Erstens: "Was wird es denn?" Zweitens: "Und wie lange nimmst du Elternzeit?" Genau genommen bekommen die zweite Frage allerdings vor allem Mütter zu hören. Väter fragt man eher: "Gehst du auch in Elternzeit?"

Was auf den ersten Blick als leichte Abwandlung derselben Frage erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Zeugnis beharrlicher Rollenklischees: Die Frau wickelt das Kind, der Mann vielleicht auch, ein bisschen. Denn auch mehr als 13 Jahre nach Einführung des Elterngeldes ist es hierzulande keineswegs selbstverständlich, dass Väter die Berufstätigkeit aussetzen, um ihre Kinder zu versorgen. Nur 40 Prozent tun es überhaupt im Vergleich zu mehr als 90 Prozent der Mütter. Häufig gleicht die Elternzeit von Männern einer Art Schnupperpraktikum: Im Schnitt beziehen sie das Basiselterngeld knapp drei Monate, Frauen fast ein ganzes Jahr. "Mein Mann kann keine Elternzeit nehmen" ist auch im Jahr 2020 noch ein geläufiger Satz.

Die Reform des Elterngeldes, die das Kabinett am Mittwoch beschlossen hat, wird daran - entgegen allen Bekundungen der Bundesfamilienministerin - wohl wenig ändern. Frühchenzulage, 32 statt 30 erlaubter Teilzeitstunden, flexiblerer Partnerschaftsbonus, kein Elterngeld mehr für Spitzenverdiener - alles richtig, aber nur Kosmetik. Schon seit Jahren fordern Experten, die Zahl der sogenannten Partnermonate, mit denen sich der Bezug des Basiselterngeldes verlängern lässt, von zwei auf mindestens vier Monate zu erhöhen. Die Mindestaufteilung der Elternzeitmonate wäre nicht mehr 12/2, sondern 10/4. Der Partner (bislang meist der Vater, weshalb die Partnermonate längst "Vätermonate" genannt werden) könnte dann wirklich in den Alltag mit Baby eintauchen, auch mal alleine zu Hause das Kommando übernehmen, während die Mutter zurück in den Job kann und das Kind gut versorgt weiß.

Können Väter doch auch jetzt schon? In der Theorie ja, in der Praxis oft nicht. Viele fürchten berufliche Nachteile, wenn sie Elternzeit nehmen, erst recht, wenn sie mehr als die zwei Monate beantragen. Der Gedanke der "Vaterzeit" ist in vielen Unternehmen immer noch so fremd, wie es lange das Home-Office war. Groß ist außerdem die Sorge vor finanziellen Einbußen. In den meisten Familien sind die Väter auch heute noch die Hauptverdiener. Dabei wünschen sich laut Väterreport knapp zwei Drittel der Eltern mit Kindern unter drei, dass sich beide gleichermaßen in Beruf und Familie einbringen können. Tatsächlich gelebt wird ein partnerschaftliches Modell jedoch nur von 14 Prozent der Eltern.

Eine Erhöhung der Zahl der Partnermonate hätte gleich einen doppelten Effekt: Väter könnten anders mit dem Arbeitgeber verhandeln. Die Frage "Warum denn so lange?" wäre bald ein Relikt vergangener Tage. Es ginge nicht darum, Lebensmodelle zu erzwingen, sondern Anreize zu schaffen. Und ja, auch darum, die Väter in die Pflicht zu nehmen.

Vor allem aber würde es die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen fördern. Denn solange sich Eltern die Erwerbs- und Familienzeiten nicht annähernd gleichberechtigt aufteilen, werden Männer immer mehr verdienen und Frauen immer gegen Altersarmut kämpfen.

© SZ vom 19.09.2020
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