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Drastische Österreich-Kritik:"Kleiner, fetter Staat"

In Österreich wird am kommenden Sonntag gewählt. In seinem neuen Buch zeichnet der angesehene Journalist Armin Thurnher ein Porträt seiner Republik, das nicht jedem Freude machen wird.

Ein Österreichbuch? "Nie mehr, hatte ich mir geschworen, würde ich so eines schreiben, obwohl unter uns gesagt Österreich um Österreichbücher lechzt." Welch Bekenntnis in dem neuen Werk von Armin Thurnher, dem Doyen im seriösen österreichischen Journalismus, das halb und halb doch wurde, was es zu vermeiden hoffte.

"Republik ohne Würde" heißt die jüngste Darlegung dieses ob seiner Redlichkeit, Begriffsschärfe und Formulierungskunst Einsamen in Österreichs Mediengetümmel. Ein im Grundsatz ausladender Essay über den schwer fassbaren und doch so fundamentalen Begriff der Würde, diesen hohen Wert ohne Preis, den die Vereinten Nationen und etwa auch das deutsche Grundgesetz vor alles andere stellen, als Grundlage jeden angemessen menschlichen Seins; dazu ein Reigen anekdotischer Beschämungen im eigenen Heimatland, den Autor oft auch selbst betreffend; ergänzt alles von exemplarischen Analysen, wie sich die politische Klasse Österreichs mit Populismus und Opportunismus selbst um ihre Würde bringt, wie sich das Publikum seinerseits fast lustvoll an dem Prozess weidet und beteiligt, um die eigene Würde gebracht zu werden.

Korrekt hieße das Buch also in etwa: Vom Verlust der Würde, dargestellt auch von Österreichs Politikern, Medien und Menschen. Dieses analysestarke, wohlformulierte und entgegen der aktuellen Praxis offenbar lektorierte Kompendium leitet freilich ein schiefer Begriff ein: Seine ersten Gedanken überhaupt sind mit "Öffentliche Würde" überschrieben. Die gibt es nicht. Würde ist eine Wesenheit, ein Wert. Öffentlich sind allenfalls die im Vergleich zur Würde des Menschen billigen "Würden", im Sinne von Amt und Würden.

Ist das eine gezielte Irritation, um ein provokatives Spiel vorzubereiten? Thurnhers Denkkaskade macht im Hinblick auf diesen Dissens zunächst kaum einen Unterschied. Er führt als erstes Erzählbeispiel die lediglich schön selbstironische Episode vor, wie er beinahe und doch nicht Professor ehrenhalber der Republik Österreich geworden wäre, ein in seiner Lächerlichkeit so typisch austriakischer Fall, dass die Würde weder des Autors noch des Staates wirklich berührt wäre.

Ein "Tagebuch der verlorenen Würde"

Dann aber wird es gewichtiger, treffen die bei aller narrativen Heiterkeit im "Tagebuch der verlorenen Würde" aufgeführten Beispiele präziser, wie sich der Mensch in seiner Alltagsranküne um seine Würde bringt oder bringen lässt. Die grundsätzlichen Erörterungen sind erst ein wenig vom Schatten einer Fleißarbeit umflort. Umso mehr aber sich Thurnher vom Drang befreit, Philosophen und andere Geistesgrößen als Kronzeugen der Debatte aufzuführen, um so schlüssiger und spannender wird diese Philippika.

In seinen dezidiert österreichbezogenen Kapiteln ist dieses Buch für andere deutschsprachige Leser nicht immer ganz durchsichtig, da Thurnhers souveräner Umgang mit Namen und Skandalen ganz auf die nach oben offene Korruptionsskala im Gedächtnis seiner Landsleute setzt.

Deutschen sind Namen wie die des Kleptokraten Karlheinz Grasser, des Alpen-Ayatollahs Jörg Haider und beider Schutzheiligen Wolfgang Schüssel vielleicht noch geläufig. Nicht-Österreichern bleiben andere Exempel mangels Detailkenntnis nebelhaft. In allem aber offenbart sich auf beklemmende Weise, wie der Erwerb von Amt und Würden heutzutage direkt in den Verlust der Würde und in die manische Versuchung führen kann, andere um ihre Würde zu bringen.

In Kürze wählen die Nachbarn ein neues Parlament. Kritische Geister sind in Österreich noch verzweifelter zwischen taktischem, strategischem, moralischem und schier zorngeleitetem Urteil hin- und hergerissen, als die Deutschen es vor der soeben absolvierten Bundestagswahl waren.

Wer sich von Turnher konkrete Wahlhilfe erhofft, wird enttäuscht

Thurnher, der als Chefkommentator (und Miteigentümer) der bemerkenswerten Wiener Wochenzeitung Falter niemals das klare Urteil über Tun und Lassen im politischen Raum scheut, verweigert sich jeder praktischen Handreichung für diesen Entscheid, was Kollegen oft auch in Buchform mit hechelndem Eifer betreiben. Thurnher hingegen analysiert Grundbefindlichkeiten. Parteien und Personen spielen allenfalls die Trägerrolle prinzipieller Mechanismen. Wer sich von ihm konkrete Wahlhilfe erhofft, wird erst recht in Depression verfallen; wer sich Erleuchtung über den Grund seiner Depressionen erhofft, wird viel Aufschluss bekommen.

Zunächst glaubt man in Thurnhers Darlegungen tiefes Seufzen zu vernehmen, intellektuelle Erschöpfung statt des früheren gerechten Zorns über die Ausweglosigkeit österreichischer Niedertracht. Wo andere zwischen wütendem Geschimpfe und schleimender Hagiografie pendeln - distanzierte, aufklärerische Mittellagen sind nicht unbedingt die Sache österreichischer Medien -, lässt Thurnher die kleinpatriotische Enge "dieses kleinen, fetten Staates" hinter sich.

So etwa in seinem verzweifelt optimistischen Plädoyer für ein demokratisiertes Europa. Und er befreit sich auch derart, dass er das Thema weit über politische Konnotationen hinaus zum zivilisationskritischen Exkurs erweitert, der am besten und bissigsten da wird, wo sich der Schreiber auf die eigene Analysefähigkeit verlässt und auf die Kunst des Reporters, der er ist.

Dieser im Ganzen bemerkenswerte Band bietet noch eine etwas alberne Ausschweifung über sein Entstehen - siehe das Eingangszitat. Thurnher marginalisiert damit unnötigerweise ein wenig das Gewicht seiner Worte, im typisch Wienerischen Hang zum augenzwinkernden Un-ernst, dem sich nicht einmal Thurnher entziehen kann. Über weite Strecken aber beansprucht dieser Essay ein rechtes, dabei lustvolles Stück Lesearbeit - mit hohem Lohn, sei der Lesende nun österreichisch infiziert oder nicht.

Armin Thurnher: Republik ohne Würde. Zsolnay, 2013. 304 S., 17,90 Euro, als E-Book 13,99 Euro.

© SZ vom 24.09.2013
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