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Die Grünen, 25 Jahre danach:Der Widerspenstigen Zähmung

Wie ist es eigentlich so, wenn man in der Schule nur tolle Noten hat und einen Abiturschnitt von 1,0? Na ja, sagt er und zögert, "das mag ich nicht so". Er meint das Bild vom Musterknaben, der neben der Schule noch Orgel spielt, mit Freunden a cappella singt, sich mit seinen Eltern versteht, die Lehrer sind und kritische Christen und keine, gegen die er hat aufbegehren wollen.

Dieter Drabiniok heute.

(Foto: Foto: ddp)

Sie haben ihm Selbstbewusstsein mitgegeben - und einen Blick für die, die weniger privilegiert aufgewachsen sind. "Ich bin nicht gewohnt, darüber zu reden", sagt Gerhard Schick irgendwann, "aber ich habe die bessere Ausstattung mit Ressourcen und persönlichen Fähigkeiten immer auch als Verantwortung empfunden."

Er will sich nützlich machen und nach oben, geht mit 24 zu den Grünen, mit 29 zur Stiftung Marktwirtschaft, mit 31 promoviert er, und mit 33 sitzt er im Bundestag, wo ihm die Altvorderen jetzt leise auf die Nerven zu gehen scheinen.

Wer Schick nach dem grünen Generationswechsel fragt, der jetzt ansteht, hört Gebrummel, dann Sätze, die nicht in die Zeitung dürfen, schließlich ein Loblied auf die Alten. "Es gibt viele gute Gründe für uns Junge, auf die Leistungen der Gründergeneration stolz zu sein."

Es sind nicht die Bärte der Stunde Null, an denen seine Altersgruppe sich reibt, sondern die Ex-Regierungsgrünen und ihr Stolz, jetzt auch Krawatte binden zu können. Da kann die Generation Schick nur müde lächeln.

Zu bescheiden, zu brav, vor allem zu still, das sagen die Jungen über ihre Alten, und in einem Papier haben sie beklagt, dass Kontroversen abgewürgt werden, weil die Gruppe 50 plus in der Fraktion sie als Angriff auf ihre Lebensleistung versteht. Hartz IV, die Riester-Rente, die Homo-Ehe, die Außenpolitik, das waren alles rot-grüne Erfolge, an denen die Oldies nicht kratzen wollen. Es geht also um Besitzstandswahrung - und darum, dass eine neue Generation ran will.

Mit fünf Fischen und Hartz IV

Der Aufstand gegen die Senioren ist jetzt abgeblasen worden. Seit bekannt ist, das Reinhard Bütikofer seinen Platz für Jüngere räumt, ist der Nachwuchs weggetaucht. Es hat sich bisher kein junger Realo gefunden, der mit der linken Parteichefin Claudia Roth die Grünen anführen will.

Wenn es weiter Absagen hagelt, könnte der Spieß sich bald umdrehen. Dann muss womöglich ein linker Mann als Parteichef her und dazu eine weibliche Reala. Claudia Roth wäre dann raus und Gerhard Schick im Spiel, jedenfalls theoretisch.

Er macht jetzt eine finstere Miene, schüttelt den Kopf, er sagt dazu nichts mehr. Es tobt jetzt ein Machtkampf hinter den Kulissen, in dem man sich besser nicht instrumentalisieren lässt. Von einem Aufstand gegen Claudia Roth glauben manche zu wissen, und dafür taugt Schick wohl nicht. Roth war eine der wenigen Heteras, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben eingesetzt hat, als das niemand sonst getan hat.

"Das habe ich nicht vergessen", sagt Schick, der sich mit einem Franzosen verpartnert hat. Er steht auf, packt eine Mappe, er muss jetzt los, wetzt den Flur entlang, Treppen runter, über ein unterirdisches Laufband, Treppen hoch, bis der Bauch des Bundestag ihn verschluckt.

Dieter Drabiniok, der Mann in Saarbrücken, ist jetzt 23 Jahre raus aus dem politischen Getriebe. Er hat es nicht bedauert, dass man ihn 1985 aus dem Bundestag rotiert hat. Damals gründet er noch den VCD, einen alternativen Verkehrsklub, dann ist Schluss mit der Rettung des Planeten.

Die Grünen, sagt er, "kommen doch nur noch geduckt voran". Er lebt jetzt mit fünf Fischen und Hartz IV in einer kleinen Wohnung, ohne seine Familie, der Maurerbetrieb ist ihm pleitegegangen. Manchmal kann es sehr still werden in seiner Welt, dann hört man nur noch das Aquarium gluckern. Dieter Drabiniok sagt, das stört ihn nicht. Und dass er ein zufriedener Mensch geworden ist.