Die EU und der Aufruhr in Ägypten:Kühn handeln - für Europas Zukunft

Ein Aufstand ohne "Allahu Akbar": Europa muss den aufbegehrenden Völkern in der arabischen Welt seine Unterstützung anbieten. Denn wenn diese Revolution scheitert, dann gnade uns Gott.

Timothy Garton Ash

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo geht es in diesen Tagen nicht weniger um Europas Zukunft als 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz. Dafür gibt es zwei Gründe: die Geografie und die Demografie. Der arabische Krisengürtel, von Marokko bis Jordanien, liegt in Europas unmittelbarer Nachbarschaft. Und als Ergebnis von Jahrzehnten der Migration haben die jungen Araber, die auf den Straßen von Kairo, Tunis und Amman wütend protestieren, längst Verwandte in Paris, Madrid und London.

Wenn diese Volksaufstände erfolgreich sein sollten, dann wird sich das Leben dieser jungen, oft arbeitslosen, frustrierten Männer und Frauen dramatisch ändern. Die Kluft zwischen dem Leben in Casablanca und Madrid, Tunis und Paris wird nach und nach kleiner werden und verschwinden - und damit auch eine kulturelle Schizophrenie, die im extremsten Fall einen marokkanischen Selbstmordattentäter in einen Nahverkehrszug in Madrid einsteigen und sich in die Luft sprengen lässt.

Fast ein Drittel der Bevölkerung Nordafrikas ist erst zwischen 15 und 30 Jahre alt. Sie könnten quer über das Mittelmeer Arbeit finden, ihren Teil zur europäischen Wirtschaftskraft beitragen und die Pensionen für die rasch wachsende Zahl der Rentner in den europäischen Gesellschaften zahlen.

Wenn diese Aufstände jedoch scheitern sollten und die arabische Welt in einen dumpfen Zustand autokratischer Herrschaft zurückfallen sollte - dann werden Abermillionen dieser jungen Männer und Frauen zutiefst verbittert sein, und nicht wenige würden ihre Wut und ihre Frustration in einer Weise hinüber über das Mittelmeer tragen, die Europa in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Und sollte dieser Umsturz nichts anderes hervorbringen als eine neue Generation von Tyrannen, nämlich gewalttätige, freiheitsfeindliche Islamisten, lauter neue Irans also, dann gnade uns Gott.

Ist dies nun das arabische 1989? Manches erinnert gefühlsmäßig an den Umsturz in der kommunistischen Welt - wie der Aufruhr etwa von Land zu Land springt und viele ganz gewöhnliche Menschen spontan aufstehen lässt, um ihren Herrschern zu sagen: genug ist genug. Aber es gibt bisher wenig Anzeichen dafür, dass sich der Protest sozial organisiert, geführt von demokratischen Oppositionsbewegungen und Gruppen der Zivilgesellschaft, die 1989 diszipliniert und erfolgreich das Prinzip des gewaltlosen Protests durchgesetzt haben. Sie widerstanden sogar offenen Provokationen der alten Regimes und bahnten den Weg zu einem friedlichen Übergang, der dann an den runden Tischen verhandelt wurde. Immerhin gibt es in den arabischen Staaten ermutigende Zeichen ziviler Selbstorganisation. So haben die Gewerkschaften in Tunesien eine wichtige Rolle gespielt.

So stark das Internet und soziale Netzwege den Protest auch mobilisieren können - entscheidend wird heute die Frage der politischen Organisation sein. Darum warnen die Israelis bereits, die eigentliche Analogie sei nicht Europa 1989, sondern Iran 1979. Beim Sturz des Schahs gab es einen von breiten Volksmassen getragenen Aufruhr, zu dem viele säkulare und linke Kräfte gehörten - doch die Macht übernahmen dann die Islamisten, weil sie viel besser organisiert waren.

Das arabische 1989

Der Umstand, dass arabische Diktatoren wie Hosni Mubarak den Westen jahrzehntelang mit der Bedrohung durch die Radikalen erpresst haben, bedeutet ja nicht, dass diese Bedrohung nicht existiert. Man kann daher die Frustration vieler arabischer Demokraten darüber verstehen, wie kühl der Westen anfangs auf jene Ereignisse reagierte, die für sie die einmalige Chance ihres Lebens auf Befreiung sind. Der ägyptische Journalist Yosri Fouda hat wütend erklärt: "Das ist hier eine Allahu-Akbar-freie Revolution".

Die EU und der Aufruhr in Ägypten: Tage des Zorns: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Tage des Zorns: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo

(Foto: AFP)

Allein der Umstand, dass es so wenige westliche Korrespondenten in diesen Ländern und so wenige Experten gibt, die sich wirklich auskennen, beweist, wie nachlässig Europa seinen eigenen Hinterhof betrachtet.

Europa hat zuerst mit verlegenem Schweigen reagiert, es folgte eine sehr vorsichtige Ermutigung für einen friedlichen Wandel. Anders als US-Außenministerin Hillary Clinton blieb die Außenministerin der EU, Catherine Ashton, praktisch unsichtbar. Ja, auch Washington hat anfangs ebenso verlegen geschwiegen und dann nur zweideutige Worte zur Ermutigung eines friedlichen Wandels gefunden. Aber der Versuch, sich auf die neue Lage einzustellen, ist inzwischen immerhin erkennbar.

Im Augenblick können wir nur wenig tun, um die Geschehnisse zu beeinflussen. Im Gegenteil: Eine zu offensichtliche Unterstützung einzelner Kandidaten oder Oppositionsbewegungen könnte nach hinten losgehen. Im Moment ist weniger mehr.

Doch das wird nicht so bleiben. Der ägyptischen Protestbewegung ist sehr klar, was sie nicht will: den Präsidenten Mubarak. Anders als die Demonstrantenschar auf dem Wenzelsplatz 1989 hat sie aber keine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft - außer dass alles besser werden soll. Und wenn die neuen Regierungen in Ägypten, Tunesien oder anderswo Hilfe aus Europa willkommen heißen sollten, dann müssen wir bereit sein, diese auch zu geben.

Niemand hat mehr Erfahrung mit den komplizierten Wegen des Übergangs von Diktaturen zur Demokratie als die Europäer. Die USA mögen spezielle Beziehungen zum ägyptischen Militär haben und zu den arabischen Herrscherfamilien - aber Europa handelt mehr mit diesen Ländern als Amerika, es gibt mehr Hilfe und hat ein dichtes Netz aus kulturellen und persönlichen Beziehungen über jenes Meer gesponnen, das die Römer mare nostrum, unser Meer, nannten. Und Europa ist der Platz auf der Welt, zu dem es junge Araber zieht - zu Besuch, zum Studieren, zum Arbeiten. Ihre Brüder und Schwestern sind schon hier. Diese enge Verknüpfung ist ein Problem und eine große Gelegenheit zugleich.

Doch die Europäische Union benötigt Geschwindigkeit, Flexibilität, Wagemut und Vorstellungskraft - nichts davon gehört freilich zu den Qualitäten, die man gemeinhin mit diesem sich so langsam bewegenden multinationalen Club verbindet. Aber wenn Europa nun jenseits seiner Grenzen kühn handelt, wird es das vielleicht auch einmal im Inneren tun können.

Timothy Garton Ash, 55, ist Professor für Europäische Studien in Oxford und Fellow der Hoover Institution in Stanford.

© SZ vom 07.02.2011/fiem
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