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Corona-Impfung:Der Hausarzt kann das auch

Start des Modellversuchs mit Impfungen in Arztpraxen

In Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) öffnete eine von vorerst vier Praxen im Land als Modellprojekt für die Schutzimpfungen.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Vielleicht sogar besser, wenn jene Doktoren die Menschen impfen, die sie am besten kennen. In Brandenburg und Baden-Württemberg beginnen nun erste Modellversuche.

Von Werner Bartens, München

Eigentlich spricht nichts dagegen - aber sehr vieles dafür. Hausärzte kennen ihre Patienten schließlich am besten, sie wissen von möglichen Vorerkrankungen, kennen die Allergien und Empfindlichkeiten der Menschen, die sich ihnen manchmal schon seit Jahrzehnten anvertrauen. Über einen Kühlschrank mit vernünftigem Gefrierfach verfügen die meisten Arztpraxen auch. Warum in diesem sicherheitsbedürftigen, regulationsfreudigen Land trotzdem vorerst nur in "Modellversuchen" mit einzelnen Praxen erprobt wird, ob Hausärzte die Impfung gegen das Coronavirus übernehmen können, erschließt sich deshalb nicht unbedingt.

"Spätestens seit Biontech vor drei Wochen informiert hat, dass der Impfstoff zwischen minus 15 und minus 25 Grad gelagert und auch in aufgelöstem Zustand mindestens sechs Stunden bei Raumtemperatur gelagert werden kann, habe ich dafür plädiert, dass Hausärzte alle verfügbaren Vakzine verimpfen sollten", sagt Michael Kochen, langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. "Die Anlieferung und Zubereitung der mRNA-Impfstoffe wäre in einer örtlichen oder regionalen Apotheke ebenso gut zu organisieren wie die Anlieferung oder Abholung an oder durch Hausärzte."

Die Impfung selbst ist keine Raketenwissenschaft, die Lagerung der Vakzine auch nicht. Der Impfstoff von Biontech lässt sich bei minus 80 Grad über Monate oder Jahre lagern, hält bei minus 20 Grad aber auch mindestens zwei Wochen, wie die US-Behörde FDA kürzlich versicherte. Der Impfstoff von Moderna ist ebenfalls bei minus 20 Grad länger haltbar und bei Kühlschranktemperatur für ein paar Tage. Für die Impfstoffe von Astra Zeneca und den von Johnson & Johnson, der kurz vor der Zulassung steht, wäre die Verwendung durch Hausärzte sowieso unproblematisch, da sie lediglich im Kühlschrank aufbewahrt werden müssen.

Der Bund muss erst noch eine Verordnung ändern

An diesem Mittwoch beginnen in Brandenburg die ersten Schutzimpfungen in Arztpraxen - zunächst als Modellprojekt in lediglich vier Hausarztpraxen. Im Laufe des Monats soll das Angebot dann auf etwa 50 Praxen erweitert werden. Für reguläre Impfungen in den Praxen und bei Hausbesuchen müsste erst die Corona-Impfverordnung des Bundes geändert werden. "Ende März oder Anfang April" sollte dann aber der Einsatz in den Praxen möglich sein, erklärte Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher. In Baden-Württemberg startet am kommenden Montag ebenfalls eine Pilotphase für Corona-Impfungen in ausgewählten Hausarztpraxen. Die Mediziner sollen zunächst maximal zehn Impfungen am Tag vornehmen.

Obwohl inzwischen viel Impfstoff nachgeliefert wurde und im März/April noch erhebliche Mengen zu erwarten sind, geht das Impfen nur langsam voran. Gerade angesichts sich ausbreitender Mutanten und einer möglichen dritten Welle wäre es sinnvoll, das Impfen deutlich zu beschleunigen. Allgemeinmediziner Kochen weist deshalb darauf hin, dass es auch logistisch wichtig wäre, die Hausärzte möglichst bald einzubinden und Fahrt aufzunehmen: "Ohne Hausärzte werden wir die verfügbaren Vakzine niemals an die Bevölkerung verimpfen können - von den drei Millionen über 80-Jährigen, die nicht im Altenheim leben, ganz zu schweigen."

© SZ/rop
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