Computer-Friedhof Agbogbloshie:"Europas Giftmüll sollte in Europa bleiben"

Adam Latif (21) Agbogbloshie EWaste

Adam Latif fährt mit dem Fahrrad umher und sammelt für seine Freunde elektronische Geräte.

(Foto: Kevin McElvaney)

Dieser Ort in Ghana war einmal ein Paradies, heute ist er einer der weltweit größten Friedhöfe für elektronischen Müll: Agbogbloshie. Im Gespräch erzählt Umweltschützer Mike Anane, wie das Gift die Persönlichkeit von Kindern verändere und dass in letzter Zeit besonders viel Müll aus Deutschland komme.

Von Oliver Das Gupta, Hamburg

Mike Anane, Jahrgang 1962, kam in Ghanas Hauptstadt Accra zur Welt. Er studierte unter anderem Journalistik und spezialisierte sich auf Umweltschutz. Seit elf Jahren engagiert er sich gegen den Import alter westlicher Eletronikgeräte in seine Heimat. In einer Gegend von Accra, wo etwa 40.000 Menschen leben, ist im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte auf dem Gelände des früheren Feuchtgebiets Agbogbloshie eine riesige Müllkippe für Computer, Bildschirme und anderen so genannten toxischen "E-Waste" entstanden.

Der Hamburger Fotograf Kevin McElvaney hat in einer international beachteten Fotoserie die Menschen porträtiert, die auf dem zwei- bis drei Quadratkilometer großen Areal leben und arbeiten. Seine Arbeiten stellt McElvaney am 6. und 7. Juni in Hamburg aus (Warnholtzstraße 4, ab 15 Uhr, Eintritt frei). Umweltschützer Mike Anane ist für die Ausstellung nach Deutschland gekommen, um über die Verseuchung seiner Heimat zu sprechen durch den Müll, der auch aus Deutschland stammt.

Kevin McElaney, Mike Anane

Kevin McElaney, Mike Anane

(Foto: Oliver Das Gupta)

SZ.de: Herr Anane, was ist Agbogbloshie für ein Ort?

Mike Anane: Es war ein Feuchtgebiet mit saftig-grüner Vegetation. Ein mäandernder Flusslauf mündete in eine Lagune, bevor das Wasser ins Meer fließt. Als ich Kind war, verbrachten meine Freunde und ich viel Zeit dort. Wir spielten an diesem wunderschönen Ort, beobachteten die vielen Vögel. Das Wasser war voller Fische, Lebensgrundlage für viele Anwohner. Als ich vor etwa elf Jahren wieder an diesen Ort kam, brach mir das Herz: Agbogbloshie war ein toter Ort geworden - einer der weltweit größten Friedhöfe für E-Waste, elektronischen Müll.

Wie haben Sie erfahren, was dort passiert?

Ich war auf dem Weg zur Hafenstadt Tema, der landesweit größten Hafenstadt nahe Accra. Da sah ich einen Lastwagen, der auf der offenen Ladefläche alte Computer transportierte. Einige Bildschirme waren kaputt, die Gehäuse waren beschädigt. Ich fragte mich, was mit einer solchen Menge augenscheinlich defekter Geräte passiert und fuhr dem Laster nach. Er fuhr nach Agbogbloshie. Dort wurde der Elektro-Müll einfach hingeschüttet.

Warum zerlegen Menschen auf der Müllhalde die Geräte?

Sie machen das, um Metall zu gewinnen, vor allem Kupfer. Dazu zerschlagen sie die Gehäuse und verbrennen die Teile, bis das Gummi und Plastik schmilzt. So werden auch andere Stoffe freigesetzt. Wir sprechen hier von hochgefährlichen Substanzen wie Blei, Cadmium und Bromide.

Wie wirken sich diese Stoffe auf die Menschen in Agbogbloshie und Umgebung aus?

Blei etwa schädigt Kinder, es wirkt sich auf deren Entwicklung und Gehirne aus. In Agbogbloshie dringen diese Gifte in den Boden ein, sie finden sich in der Luft und im Wasser. Die Folgen sind entsetzlich: Dort leben Fünfjährige, von denen man weiß, dass Sie keine 30 Jahre alt werden. Die chemischen Schadstoffe zerstören nach und nach ihr Gehirn und verändern ihre Persönlichkeit. Einige können nicht mehr klar denken, sie antworten wirr, wenn man sie fragt. Andere werden aggressiv. Ich habe Siebenjährige gesehen, die miteinander kämpften, bis das Blut spritzte. Man konnte sie nicht voneinander trennen.

"In Agbogbloshie finden sich Computer auch aus München"

Adjoa (9)

Adjoa (9) Sie verkauft kleine Wasserpäckchen an die jungen Arbeiter, mit denen sie sich erfrischen, oder die kleinen Feuer ablöschen. Das machen die, weil Kupfer, wenn es zu lange dem Feuer der brennenden Kabelbüsche ausgesetzt ist, an Gewicht (=Geldwert) verliert.

(Foto: Kevin McElvaney)

Wie viele Menschen sind von der Kontaminierung betroffen?

Vierzig bis fünfzig Leute leben dort, aber rund um die Uhr zieht der Rauch in die Umgebung. Vor allem junge Menschen gehen nach Agbogbloshie. Aber die Folgen sind nicht lokal begrenzt: Jedes Mal, wenn es regnet, spült das Wasser den Elektromüll und die Giftstoffe ins Meer und somit in die Nahrungskette. Egal, wo wir auf der Welt sind: Wir entkommen den freigesetzten Giften nicht. So werden über kurz oder lang auch Sie in Europa betroffen sein. Von dort stammt ein großer Teil des Elektro-Mülls.

Woher wollen Sie das wissen?

Ich sammele schon seit Jahren entsprechende Kennzeichnungen auf dem E-Waste. Und ich kann Ihnen sagen: In letzter Zeit kommt besonders viel Müll aus Deutschland. Die Geräte stammen auch aus renommierten Institutionen.

Können Sie Beispiele nennen?

In Agbogbloshie habe ich E-Waste von deutschen Regierungsbehörden, Banken, Universitäten und Krankenhäusern gefunden. Wo leben Sie?

In München.

In Agbogbloshie finden sich Computer auch aus München. Die Besitzer haben sicher geglaubt, dass ihre Geräte recycled werden, dass alles umweltfreundlich und sauber abläuft. Das ist nicht die Realität!

Sondern?

Das Zeug wird auf Schiffe verladen und nach Afrika gebracht. Beim Ausladen im Hafen wird sortiert: Was gut aussieht, wird behalten und weiterverkauft, ob die Geräte funktionieren, wird nicht geprüft. Was nicht so gut aussieht, wird zu Plätzen wie Agbogbloshie gebracht.

EWaste Agbogbloshie

Zum Recycling in Europa abgegeben, weggeworfen in Agbogbloshie: PC aus dem Bestand der Firma Raab Karcher, die ihren Hauptsitz in Frankfurt am Main hat.

(Foto: Oliver Schöning)

Wer verdient an diesem Prozedere?

Einige Menschen und ihre Firmen, die den E-Waste in Länder wie Ghana bringen. Sie verdienen sogar doppelt. In Europa zahlt man beim Kauf des Computers ja auch immer ein bisschen mit für die Entsorgung. Dann werden die Sachen nach Afrika verkauft.

Was tut die ghanaische Regierung dagegen?

Ich habe Regierungsvertreter auf Konferenzen erlebt, die die Problematik thematisiert haben. Aber alleine kann man diese Entwicklung nicht stoppen. Die EU und die afrikanischen Staaten müssen gemeinsam Lösungen entwickeln.

Wie kann eine solche Lösung gestaltet sein?

Eine Lösung muss bei Ihnen in Europa beginnen. Die entwickelten Länder müssen aufhören, giftigen E-Waste in arme Länder zu exportieren. Das ist illegal und sollte bestraft werden. Das ist nach dem Basel-Abkommen verboten. Ich würde gerne mal von der deutschen Regierung erfahren, warum es trotzdem möglich ist, dass Tag für Tag Lastwagen kommen und auch deutschen Elektroschrott in Agbogbloshie abladen. Europas Giftmüll sollte in Europa bleiben.

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