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China:Volle Kontrolle

FILE PHOTO: A Google sign is seen during the WAIC (World Artificial Intelligence Conference) in Shanghai

Google zog sich einst aus ethischen Gründen aus dem Chinageschäft zurück. Acht Jahre später scheint der Konzern den Schritt zu bereuen.

(Foto: Aly Song/Reuters)

Die Tech-Giganten Google und Apple schränken die Freiheit ihrer Nutzer in China ein. Das Geschäftspotenzial, das die Konzerne im staatlich regulierten Internet sehen, ist größer als moralische Skrupel.

Düster ist die Prognose von Ex-Google-Chef Eric Schmidt, die er dieser Tage bei einer Veranstaltung in San Francisco aufstellte. Das Internet von heute werde es in zehn Jahren nicht mehr geben, es drohe in zwei Teile zu zerfallen. Auf der einen Seite ein amerikanisch dominiertes freies Netz. Auf der anderen Seite ein chinesisch geführtes Internet. "Fortschrittlich", aber auch mit strenger Zensur. Wie nah das chinesische Internet dieser Vision bereits ist, zeigten diesen Monat gleich zwei Entscheidungen der Internetkonzerne Apple und Google. Das neue iPhone verspricht den Nutzern, mit nur einer SIM-Karte zwei Handynummern in ihrem Gerät nutzen zu können. Wie Apple ankündigte, wird das Modell weltweit verkauft werden - nur in China nicht. Im August wurde wiederum Googles Geheimprojekt "Dragonfly" bekannt: eine zensierte Suchmaschine speziell für China. Bei ihr solle zudem jede Suchanfrage mit der Handynummer des Nutzers verknüpft werden, heißt es nun.

Beide Nachrichten hängen zusammen. Das Problem des neuen Apple-Handys ist: In das Modell für das nicht chinesische Ausland kann man eine physische SIM-Karte einlegen. Zusätzlich bietet Apple eine virtuelle E-SIM zur Nutzung einer zweiten Nummer an, die macht eine weitere Chipkarte überflüssig. Mit der E-SIM könnte es allerdings schwieriger werden, eine Klarnamen-Registrierung für die Handynummer zu erzwingen. Denn Nutzer sind nicht mehr auf Kartenanbieter angewiesen, die beim Verkauf die Identität überprüfen. Deshalb soll sich Apple zunächst gegen den Verkauf in China entschieden haben, so der Apple-Experte und Journalist Tripp Mickle. Schon bei der Apple Watch, in der die gleiche Technik steckt, gibt es LTE-Empfang beim Anbieter China Unicom nur in sieben Städten und nicht in der Hauptstadt Peking. China Telecom und China Mobile bieten den Dienst gar nicht an.

Ähnlich verhält es sich mit Googles geplanter China-Suchmaschine: Seit 2016 sind Betreiber von Internetdiensten in China verpflichtet, "illegale Inhalte" zu melden. Seit vergangenem Jahr müssen Nutzer sich in fast allen Diensten mit Klarnamen und Handynummer registrieren. Anonymität im Internet ist staatlich nicht gewollt. Egal ob für einen Account in einem sozialen Netzwerk, einen mobilen Bezahldienst, Essenslieferung oder den Versand eines Päckchens, das ist ohne die elfstellige Handynummer unmöglich. Sie ist zum digitalen Identifikationscode der Bürger geworden - und ausländische Konzerne wie Apple und Google spielen mit.

In den frühen 2000er-Jahren war es in China noch leicht, eine anonyme Prepaid-karte für sein Handy zu bekommen. Mobilfunkshops und Imbissbuden vertrieben die Karten gegen wenige Renminbi, die Verkäufer hatten sie meist mit einem Gummiband in 20er-Packs verknotet. 2010 verschärfte China die Vorschriften zum Verkauf der Chipkarten, 2017 schlossen Behörden die letzten Schlupflöcher. Inzwischen müssen Käufer wie in Deutschland Personalausweis und Meldeadresse hinterlegen. Anders als hierzulande wird sie inzwischen standardmäßig fast überall für Anmeldungen von Bankkonten bis hin zu Messengerdiensten abgefragt. Jedes Mal, wenn ein Nutzer sie im Netz verwendet, können seine Bewegungen, Kommentare und Posts eindeutig identifiziert werden.

Bezahlen per Gesichtserkennung und Handynummer

Wie weit das mittlerweile geht, zeigt der Bezahldienst "Smile to Pay" von Alipay. Seit vergangenem Jahr testet der chinesische Fintech-Konzern in einem Einkaufszentrum in Hangzhou Bezahlen per Gesichtserkennung. Kunden bestellen ihr Essen an einem Selbstbedienungsschalter. Die Maschine scannt das Gesicht des Kunden und ordnet ihn automatisch seiner digitalen Geldbörse zu. Um zu bestätigen, muss er nur noch seine Handynummer eingeben.

Seit Bekanntwerden der Suchmaschinenpläne steht Google in der Kritik. In einem Brief an Chef Sundar Pichai nannte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Entwicklung eine "alarmierende Kapitulation" vor dem Regime. 1400 Google-Mitarbeiter schrieben eine Protestnote an die Konzernchefs. Mehrere kündigten sogar.

Ändern wird das wohl nichts. Acht Jahre nachdem Google mit Verweis auf seine ethische Integrität das Land verlassen hat, sucht es einen Weg zurück. Damals waren vor allem Unternehmensgründer Sergej Brin die staatlichen Eingriffe zuwider, er konnte als Kind mit seinen Eltern aus der Sowjetunion ausreisen. Aber China ist zum größten digitalen Markt der Welt geworden, Techkonzerne setzen jedes Jahr Milliarden um. Dazu investiert Peking viel Geld in die Erforschung künstlicher Intelligenz. Ohne Zugang zu den Daten der 800 Millionen Internetnutzer im Land fürchtet Google, den Anschluss zu verlieren.

Auch Apple folgt diesem Kalkül. China ist für die Firma der drittwichtigste Markt nach den USA und Europa. Will der Konzern seinen Zugang zu dem digitalen Ökosystem behalten, muss er nach dessen Regeln spielen. Während er in den USA dem FBI Hilfe bei der Entschlüsselung eines iPhones verweigert, gab er dem Druck der chinesischen Regierung zuletzt nach und löschte Anwendungen aus seinem App- Store, mit denen Nutzer in China gesperrte Seiten öffnen können. Noch gibt es für das Wort Internet keinen Plural. Doch das Zerfallen des Netzwerkes scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.