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China:Sprache unter Verdacht

Weil Peking Unterricht auf Mongolisch unterdrückt, protestieren aufgebrachte Schüler im Norden.

Von Lea Deuber

Sich so eng umfassen wie die Kerne von Granatäpfeln. Es ist die Botschaft, die Chinas Regierung seit Jahren in den Regionen an die Wände pinselt, in denen sie Lücken vermutet in der Einheit der Nation. Besonders in Xinjiang und Tibet stehen die Minderheiten unter Druck, die Menschen sollen sich sinisieren, sich anpassen an die Mehrheitskultur der Han-Chinesen - sofern man annimmt, dass es die überhaupt gibt. Vielfalt ist gefährlich, das gilt, wo Peking fern ist, also besonders in den Randgebieten des Riesenreichs.

Als verdächtig gilt auch die Innere Mongolei, eine Region im Norden, in der 25 Millionen Menschen leben. In den 2000er-Jahren hat die Regierung zuletzt große Zwangsumsiedlungen durchgesetzt. Einst die Mehrheit, ist heute nicht einmal mehr jeder fünfte Einwohner Mongole.

Und nun folgt, was Kritiker den letzten Schritt einer jahrzehntelangen kulturellen Auslöschung nennen: Bisher durften sich Eltern aussuchen, ob sie ihre Kinder auf vornehmlich chinesische oder mongolische Schulen schicken. Dort sollen aber die Fächer Literatur, Politik und Geschichte zukünftig nicht mehr auf Mongolisch, sondern auf Chinesisch unterrichtet werden, die neuen Schulbücher sind schon gedruckt. Ähnliche Regeln gelten auch in Tibet und Xinjiang. Die Reform hat die Regierung nur wenige Tage vor Schulstart bekannt gemacht. Selbst die Lehrer haben nichts gewusst. Passt euch an, sprecht Chinesisch. Es ist diese Drohung, die zu einer der größten Unruhen der vergangenen Jahre führt.

In der Region protestieren Tausende Schüler, Lehrer und Eltern, die fürchten, ihre kulturelle Identität zu verlieren. Viele Kinder gingen am ersten Tag nicht zur Schule, Eltern und Lehrer unterschreiben im Netz Petitionen und diskutieren über Heimunterricht.

Seit Tagen schwirren Aufnahmen von Schülern durchs Netz, die vor der Polizei fliehen, die über Absperrungen klettern, um nicht zum Unterricht gezwungen zu werden. An einer Schule stehen die Schüler im Kreis, damit keiner als Anführer ausgemacht wird. Als Einheit marschieren sie über den Schulhof. "Schützt unsere Muttersprache!", skandieren sie. Und: "Wir sind Mongolen bis zum Tode."

Die Behörden wirken vom Widerstand überrascht. Überall in der Inneren Mongolei hat die Polizei Menschen inhaftiert, die an Protesten teilgenommen haben oder im Netz ihre Unterstützung bekundeten. Sie veröffentlichte Hunderte Bilder von Demonstranten, von Schülern, Eltern, die mitmarschiert sind, schrieb Finderlohn aus für Hinweise zu den gesuchten Personen. Sie sollen "Streit angezettelt und Ärger verursacht" haben, eine übliche Beschuldigung, um unliebsame Kritiker verschwinden zu lassen. Viele mongolische Polizisten kamen nicht zur Arbeit, wohl um niemanden verhaften zu müssen.

Peking sieht nun gleich die nationale Souveränität in Gefahr. Eine gemeinsam gesprochene und geschriebene Sprache sei nämlich ein Symbol dieser, ließ das Außenministerium mitteilen. Es sei nicht nur Recht, sondern auch Pflicht eines jeden Bürgers, diese Sprache zu benutzen. Die Staatspresse vermutete gar eine gezielte Einmischung von Separatisten, natürlich aus den USA.

© SZ vom 05.09.2020

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