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China:Mysteriöser Tod eines Milliardärs

Ein Protagonist der Korruptionsaffäre um Bo Xilai stirbt im Gefängnis, angeblich an einem "plötzlichen Herzanfall".

Von Christoph Giesen

Begonnen hat die Affäre mit einem Toten: Der Brite Neil Heywood starb im November 2011 in einem Drei-Sterne-Hotel in Chongqing. Er war damals 41 Jahre alt, und als offizielle Todesursache wurden Herzprobleme angeführt. Wenige Monate später stürzte just dieser Tod Chinas Kommunistische Partei in die schwerste Krise seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es kam nämlich heraus, dass Heywood ermordet worden war. Die Täterin: Gu Kailai, die Ehefrau von Bo Xilai - einem der mächtigsten Politiker Chinas. Mehrere Prozesse wegen Mordes und Korruption folgten. Gu und Bo sitzen seitdem in Haft.

Nun ist wieder jemand tot und wieder war es das Herz. Mit 44 Jahren ist der chinesische Milliardär Xu Ming gestorben. Xu sei am Freitag in einem Gefängnis im zentralchinesischen Wuhan einem "plötzlichen Herzanfall" erlegen, berichtete Chinas amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Montag. Xu war im Zuge der Bo-Affäre in einem Geheimverfahren verurteilt worden, sein Aufenthaltsort war bis zur Nachricht seines Todes unbekannt. Unklar ist, ob es überhaupt eine Autopsie gegeben hat.

Dagegen spricht, dass seine Asche bereits nach zwei Tagen in seine Heimat, die nordostchinesische Küstenstadt Dalian, überstellt worden sein soll. Auch Heywoods Leiche hatte man umgehend eingeäschert. Unstrittig ist hingegen, dass Xus Aufstieg eng mit der politischen Karriere Bos verknüpft gewesen ist. Angefangen hatte Xu als Krabbenverkäufer, in den Neunzigerjahren gründete er dann den Mischkonzern Shide Group, mit Sitz in Dalian. Rasch stieg er zum achtreichsten Chinesen auf. Xus Unternehmen war zunächst vor allem in der Baubranche tätig. Etliche Projekte bekam seine Firma von der Stadt Dalian übertragen, deren damaliger Bürgermeister hieß: Bo Xilai. Als Bo zum Gouverneur der gesamten Provinz Liaoning aufstieg, wuchsen plötzlich auch die Aufträge für Xus Shide Group. Als Bo noch Bürgermeister war, wünschte er sich eine schlagkräftige Fußballmannschaft, um die etwas verträumte Stadt in ganz China bekannt zu machen. Als Sponsor und Klubbesitzer sprang Xu ein, obwohl er sich angeblich nicht für Sport interessierte. Unter Xus Regentschaft wurde Dalian mehrmals chinesischer Fußballmeister. Ein Vorwurf, der sich seitdem hält: Xu soll etliche Schiedsrichter und Funktionäre bestochen haben. Auch für die Schul- und Universitätsgebühren von Bos Sohn, Bo Gugua, der in Großbritannien und den Vereinigten Staaten Privatschulen und Eliteuniversitäten besuchte, soll Xu aufgekommen sein. Als Bo vor zwei Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, stützte sich das Urteil vor allem auf Geschenke und Gefälligkeiten, die von Xu stammten. Unter anderem ging es um eine Villa im französischen Cannes, die Xu für mehr als zwei Millionen Euro der Bo-Familie gekauft hatte, ebenso hatte er für Gu Kailai und Bo Guagua etliche Erste-Klasse-Flüge nach Europa und in die Vereinigten Staaten bezahlt. Auch eine kostspielige Afrikareise nebst Begleitschutz spendierte er. Nun ist Xu Ming tot. Im September 2016 hätte er entlassen werden sollen.

© SZ vom 08.12.2015

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