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CDU-Krise in Schleswig-Holstein:Jost de Jager soll übernehmen

Vor der Krisensitzung der schleswig-holsteinischen CDU deutete vieles darauf hin, nun ist es bestätigt: Jost de Jager soll die Lücke füllen, die Christian von Boetticher hinterlassen hat. Das Votum der CDU-Landesspitze für de Jager fiel am späten Abend einstimmig. Er soll die Nord-CDU in die Landtagswahl führen.

Es ging dann doch alles ganz schnell. Noch am Dienstagmittag war die CDU-Fraktion im Kieler Landtag nur damit beschäftigt, überhaupt zu sich zu finden. Viele der Abgeordneten brauchten Zeit, um zu begreifen, was an diesem Wochenende rund um ihren bisherigen Chef Christian von Boetticher passiert war.

De Jager, Minister of Economic Affairs of Schleswig-Holstein prepares to give a statement during news conference in Kiel

Jost de Jager soll das Gegenmodell zum zurückgetretenen von Böttcher sein und die CDU in Schleswig-Holstein aus der Krise führen: ruhig, nüchtern, aufgeräumt und solide.

(Foto: REUTERS)

Einen neuen Vorsitzenden wollten sie noch nicht wählen. Um so schneller handelte am Abend der Parteivorstand und setzte die Signale für den wichtigsten Posten. Wirtschaftsminister Jost de Jager soll die schleswig-holsteinische CDU als Spitzenkandidat in die Landtagswahl im Mai 2012 führen.

Einstimmig sprach sich der Landesvorstand nach einer kurzen Sitzung in Kiel für den 46-Jährigen gelernten Journalisten aus, den insgeheim in der Partei viele schon vor dem Rücktritt Boettichers für den geeigneteren Kandidaten hielten. Der verheiratete Vater einer Tochter gilt als zuverlässig, solide und fleißig und hat sich im Landtag auch als schlagfertiger Redner Respekt erworben. Er soll auch den Parteivorsitz übernehmen.

Der bisherige Vorsitzende Christian von Boetticher war am Sonntag wegen einer früheren Beziehung zu einer 16-Jährigen von allen Spitzenämtern zurückgetreten.

Für Wirtschaftsminister de Jager hatten vor dem Parteivorstand bereits alle Kreisvorsitzenden votiert. De Jager soll auch neuer Landesvorsitzender werden. Zugleich hat sich die Parteispitze offenbar auf einen neuen Fraktionschef verständigt, diesen Posten könnte der bisherige Finanzminister Rainer Wiegard, 62, übernehmen.

Der Wille zum Sieg

Ich trete bei dieser Wahl an, um zu gewinnen", sagte de Jager mit Blick auf die Landtagswahl am 6. Mai 2012. Die CDU habe mit ihren jetzigen Entscheidungen gezeigt, dass sie auch in einer schweren Situation handlungsfähig sei, sagte er.

Als Landesvorsitzender soll de Jager auf einem Sonderparteitag am 24. September gewählt werden. In Umfragen lagen die in Kiel gemeinsam regierenden CDU und FDP allerdings zuletzt weit abgeschlagen hinter einer möglichen rot-grünen Koalition.

Zuvor hatte am Dienstagvormittag die Fraktion in einer aufgewühlten Sitzung drei Stunden lang über die Ereignisse vom Wochenende beraten. "Da musste eine Menge aufgearbeitet werden", sagt ein Teilnehmer.

Die meisten Abgeordneten hätten "absolut fassungslos" selbst nur über Radio, Fernsehen und Internet verfolgen können, wie zunächst die Gerüchte über die Liebe ihres Vorsitzenden zu einer 16-Jährigen bekannt wurden. Und wie Christian von Boetticher dann unter Tränen seinen Rücktritt vom Amt des Parteichefs und den Verzicht auf die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2012 erklärte.

Boetticher war nicht gekommen, um ihnen ihre Fragen zu beantworteten. Er hatte am Montagabend per Mail auch noch seinen Rücktritt vom Fraktionsvorsitz erklärt. Der mediale Druck sei zu groß, schrieb er in dem Brief. "Die öffentliche Jagd auf mich und mein Umfeld haben ein Ausmaß angenommen, das mir keine andere Wahl lässt", begründete er sein Fernbleiben.

Froh ist man in der Fraktion, dass Boetticher sein Landtagsmandat behalten will. Denn damit bleibt der Union eine Sorge erspart. Hätte er den Sitz aufgegeben, wäre die Mehrheit der schwarz-gelben Regierung von nur einer Stimme unter Führung von Peter Harry Carstensen zunächst dahin gewesen.

© SZ vom 17.08.2011/hü
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