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Bundeswehr in Darfur:Eine Waffe stört im Krieg

UN-Einsatz fraglich: Der erste Bundeswehrsoldat für Darfur kann seit Monaten den Dienst nicht antreten, weil Berlin und die Vereinten Nationen darüber streiten, ob er dort eine Pistole tragen darf.

Arne Perras

Irgendwo muss er doch sein, unser deutscher Mann in Darfur. Er ist Oberleutnant und soll im staubigen Nest El Fasher die Blauhelmtruppe Unamid verstärken. Seit zwei Monaten müsste der Offizier schon hier im UN-Feldlager im Westen des Sudans sein. Aber wo man auch sucht - er ist nirgends zu finden.

Unterbesetzt und überfordert: Die Blauhelm-Truppen in Darfur warten seit langem auf Verstärkung.

(Foto: Foto: Reuters)

"Ach ja, der Deutsche", sagt einer der Blauhelmsoldaten im Camp und seufzt. Unamid könnte den Mann wirklich gut brauchen. Aber er kommt nicht. Und alles nur wegen dieser Pistole. Eine missliche Geschichte.

Sie beginnt am 27. September, als der deutsche Soldat in den Sudan einreist, um seinen Dienst in der internationalen Friedenstruppe anzutreten. Die Mission in Darfur ist mit ihren geplanten 26.000 Mann der größte Blauhelm-Einsatz weltweit, doch die Stationierung stockt, bislang sind nicht mal die Hälfte der Soldaten angekommen. Und auch der Oberleutnant aus Deutschland wird auf dem Weg nach Darfur noch manche Überraschung erleben.

Es hat lange gedauert, um diese Truppe im Sudan durchzusetzen. Seit fast sechs Jahren schon kämpfen in Darfur Rebellen gegen die Streitkräfte der Regierung und verbündete arabische Milizen.

Der Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luis Moreno-Ocampo, will Machthaber Omar al-Bashir verhaften lassen, er wirft dem Putsch-Präsidenten Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. 300.000 Menschen sind in diesem Krieg vermutlich schon gestorben, fast jeder zweite Bewohner wurde vertrieben. Und in den Halbwüsten, Bergen und Savannen Darfurs wird noch immer gekämpft.

Die meisten Blauhelm-Soldaten für Unamid kommen aus Afrika, weil der Sudan darauf besteht. Der Westen hilft nur mit wenigen Soldaten, und dies sind keine Kampftruppen. Berlin schickt vorerst einen einzigen Offizier. Er soll die Flugleitstelle in El Fasher führen, wo die Truppe ihr Hauptquartier hat.

In Khartum hängengeblieben

Doch die kleine Verstärkung aus Deutschland sorgt schon bald für großen Streit. Denn der Befehl aus Berlin lautet: Der Soldat muss stets eine Waffe tragen. Das wiederum will der UN-Kommandeur in El Fasher aber nicht genehmigen. Und so ist die Stationierung der deutschen Vorhut in Darfur ins Stocken geraten. Der Mann ist in Khartum hängengeblieben, wo er seinem Auftrag nicht dienen kann.

Berlin beruft sich auf die Sicherheitslage in Darfur, der Mann brauche unbedingt eine Waffe, um sich zu schützen. Das klingt einerseits vernünftig. Andererseits ist es aber auch so, dass keiner der Stabsoffiziere bei Unamid - aus welchem Land sie auch kommen - eine Waffe trägt. Auch das hat seine Gründe. Der Truppen-Kommandeur hat dies so entschieden, weil die Camps, in denen die Offiziere arbeiten, ausreichend von bewaffneten Blauhelm-Soldaten gesichert würden. Und wer außerhalb des Lagers eine eigene Pistole herumtrage, der falle leicht auf. Waffen sind für Banditen begehrte Ware, deshalb könne eine Pistole, die zur Selbstverteidigung gedacht ist, schnell zum Risiko werden, argumentiert der Kommandeur.

Weil die Deutschen dies so nicht akzeptieren, hat Berlin seinem Soldaten befohlen, vorerst nicht nach Darfur zu reisen. Er muss nun warten, bis der Streit um die Pistole beigelegt ist. Die Regeln des UN-Kommandeurs sind auch bei anderen Ländern umstritten, doch nur die Deutschen sind so weit gegangen, ihren Mann ganz zurückzuhalten. Deutsche Gründlichkeit. Oder ist es deutscher Starrsinn?

Warten auf gepackten Koffern

Seit Wochen gehen nun Schreiben und E-Mails zwischen Berlin, New York und El Fasher hin und her. Der Fall erobert schon die Schreibtische in den oberen Etagen der Vereinten Nationen, sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon soll sich damit beschäftigt haben. Das Bundesverteidigungsministerium hat eine Woche gebraucht, um eine Anfrage der SZ zu beantworten. "Die Bundesregierung prüft derzeit mit den UN eine Lösung des Falles, die den Schutz der Soldaten sicherstellt", hieß es vage. Das klingt nicht danach, als sei man einer Einigung im Pistolenstreit schon näher gekommen.

Weil offenbar niemand eine Entscheidung treffen will oder kann, muss dies vor allem der Soldat ausbaden, der gar nichts dafür kann. Er wartet seit Wochen und kann seinen Job nicht machen. Und der Truppe in Darfur, die jeden Mann braucht, fehlt ein wichtiger Fluglotse. Sieben weitere Bundeswehrsoldaten, die Unamid verstärken sollen, sitzen in Deutschland auf gepackten Koffern. Auch sie können nicht reisen, solange der Streit weiterschwelt.

Sollte es keine Einigung geben, wird der Einsatz deutscher Soldaten im Westsudan platzen, bevor er überhaupt begonnen hat. Und das alles wegen einer Pistole, die nicht mitdarf nach Darfur.

© SZ vom 30.12.2008/cag
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