Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan:Deutsche Lebenslügen

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Die Nato ist eine gewachsene Allianz, die sich, wenn auch mühsam, einem neuen sicherheitspolitischen Zeitalter annähert. Wer, wie Deutschland, Multilateralismus zum Kern seiner Außenpolitik erklärt, will Mitglied in einem Bündnis Gleichgesinnter sein. Wer nach der Alternative zur Nato Ausschau hält, der wird schnell enttäuscht werden: Es gibt keine bessere. Selbst die EU hat das inzwischen verstanden und verzichtet auf ein Konkurrenzmodell; Frankreich gar drängt mit Macht in die Nato zurück.

Zum Prinzip eines Bündnisses gehört die gleiche Verteilung von Rechten und Pflichten. Wer, wie Deutschland, das bessere Aufbaukonzept für den Süden Afghanistans zu haben glaubt, muss es auch durchsetzen. Wer aber eine Teilnahme im Süden des Landes ablehnt, der kann nicht erwarten, dass sein Aufbaukonzept ernst genommen wird.

Natürlich kann man die amerikanische Dominanz in der Nato beklagen. Reduzieren lässt die sich aber nur, wenn man sich selbst stärker engagiert. Dazu reichen manchmal kleine, aber weitreichende Entscheidungen: Helikopter sind hochbegehrt im Süden Afghanistans. Wer vier Hubschrauber schickt, gewinnt überproportional an politischem Einfluss.

Was wirklich nötig wäre

Klarheit muss außerdem geschaffen werden über Sinn und Zweck des Einsatzes in Afghanistan, der nicht zufällig zustande kam. Die USA haben in dem Land die Taliban vertrieben, die Vereinten Nationen haben - mit Hilfe der Nato - Aufbau und Zukunft versprochen. Deutschland stand Pate auf der Petersberg-Konferenz. Derart wuchtige Zusagen werden nicht leichtfertig gemacht, zumal die afghanische Bevölkerung der UN-Mission vertraut.

Allzu leicht werden, gerade in Deutschland, Opfer und Täter in diesem Konflikt verwechselt. Es waren die Taliban, unter deren Schutz der Terror gegen den Westen geplant wurde, es sind die Taliban, die noch heute im Süden die Menschen in den Hunger treiben, nicht die ausländischen Truppen.

Bundesregierung und Nato haben zu lange zu wenig darüber geredet, was den Kern der Afghanistan-Mission ausmacht. Die Irritationen in der Öffentlichkeit rühren aus dem begründeten Gefühl her, dass es schiefgehen könnte mit dem Einsatz, dass sich die Nato zu viel vorgenommen hat und geschwächt zurückkehren könnte.

All dies wird verstärkt durch die künstliche Teilung des Auftrags, wie sie die Bundesregierung aus innenpolitischen Motiven heraus betrieben hat: hier der Aufbau, dort die militärische Befriedung. Noch heute sind mehr als die Hälfte der Deutschen für den Aufbau-Teil, nur 17 Prozent akzeptieren, dass der militärische Kampf zu den Aufgaben gehört.

Außerhalb Deutschlands gibt es die Zweiteilung nicht. Weder in Kanada, noch in den Niederlanden oder in Afghanistan selbst wird akzeptiert, dass der Süden des Landes auf Dauer instabil, der Norden hingegen stabil sein könnte.

Die Afghanistan-Woche hat der Bundesregierung und auch der Nato gezeigt, dass sie ihre Lebenslügen auf Dauer nicht aufrechterhalten können. Anfang April treffen sich die Regierungschefs der Nato. Bis dahin ließen sich noch ein paar ehrliche Worte finden: über die Tabus der Deutschen, den Realismus der Nato und über das, was für Afghanistan wirklich nötig wäre.

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