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Bürgerkrieg in Syrien:Jede Karte ist immer auch ein Stück Interpretation

Doch auch wenn van Linge sehr gründlich arbeitet - unumstritten sind seine Karten nicht. Seine Geschichte ist ein Lehrstück über die Subjektivität, die auch in jeder vermeintlich objektiven Tätigkeit steckt - zumal in Zeiten des Krieges. Jede Karte ist immer auch ein Stück Interpretation. "Ich versuche, objektiv zu sein", sagt van Linge.

Trotzdem wird nach jedem Update diskutiert. Den Regimetreuen passt nicht, dass der gesamte Südosten Syriens grau eingefärbt ist, also als IS-Territorium dargestellt wird. Schließlich sei der IS vor allem in den Städten präsent, die ländlichen Gegenden hingegen kaum besiedelt. Den Sympathisanten der Kurden gefällt nicht, dass der Norden grün-gelb gestreift ist. Die regelmäßigen Streifen suggerierten, dass die Freie Syrische Armee ebenso einflussreich ist wie die Kurden. "Das ist sie nicht", sagt van Linge. "Aber so eine Karte soll die Dinge doch vereinfachen. Ich kann doch nicht an jedes Dorf 70:30 oder 40:60 Militärpräsenz schreiben."

Khaled Yacoub Oweis, der als Gastwissenschaftler für die Stiftung Wissenschaft und Politik zu Syrien forscht, glaubt, dass van Linges Karten sehr nah an die Realität herankommen. Doch auch er sieht Schwachstellen. Zum Beispiel schätzt Oweis den Einfluss der libanesischen Hisbollah im Westen Syriens stärker ein, als auf den Karten zu erkennen. "Ohne die Unterstützung der schiitischen Miliz wäre das Assad-Regime schon längst gefallen", sagt er.

Seine Sympathien beeinflussen seine Karten nicht, sagt er

Van Linge selbst nimmt die Kritik gelassen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er den Bürgerkrieg nicht als neutraler Beobachter verfolgt. "Ich bin Aktivist", sagt er. Auf seinem Skype-Bild ist die Flagge der Freien Syrischen Armee (FSA) zu sehen - jener Gruppe von Soldaten, die einst für Assad kämpften und dann zu den Aufständischen überliefen. Doch van Linge glaubt nicht, dass seine Sympathien die Karten beeinflussen. Die Bedeutung der Hisbollah leugnet er nicht, sie halte aber nur wenig eigenes Territorium. Deshalb sei sie auf seiner Karte nicht so groß.

Fragt man van Linge, warum er die FSA unterstützt, zögert er nicht: "Weil sie die einzige politische Alternative ist." Die Kämpfer der FSA gelten als moderat und säkular. Für die religiösen Minderheiten in Syrien, die jetzt unter der entfesselten Gewalt der radikalen Islamisten leiden, wären sie das geringere Übel, glaubt van Linge. Auch setzten sich FSA-Einheiten noch immer für Frieden und Demokratie ein, womit sie in Syrien mittlerweile fast die Einzigen sind. Und zumindest Teile der FSA haben bewiesen, dass sie über ethnische Grenzen hinwegblicken können: Sie kooperieren mit Christen und Kurden.

Andererseits gibt es massive Menschenrechtsverletzungen. Einige Brigaden haben gegnerische Kämpfer als vermeintliche Spione festgenommen, misshandelt und hingerichtet. Andere kooperieren mit radikalen Islamisten. "FSA und Islamisten sind manchmal kaum noch zu unterscheiden", sagt Oweis. "Beggars can't be choosers", sagt van Linge. Wer betteln geht, kann nicht wählerisch sein.

Van Linge kann es. Um objektiv zu bleiben, spricht er mit allen Seiten. Außer mit dem IS. Es ist eine moralische Entscheidung. Aber nicht nur. Ob er schon mal bedroht wurde? "Nicht direkt." Indirekt? Nein, nein, eigentlich nicht. Angst hat er also keine? "Nein." Er zögert. "Aber ich versuche, unter ihrem Radar zu bleiben."

© SZ.de/pamu
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