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Bin-Laden-Nachlass:Al-Qaida soll neue 9/11-Anschläge erwogen haben

Tag und Nacht werten Terroranalysten derzeit das Material aus, das US-Spezialkräfte im Haus Bin Ladens sichergestellt haben. Es zeigt: Der Al-Qaida-Gründer war mehr als eine bloße Symbolfigur, US-Berichten zufolge soll er weitere Terrorpläne geschmiedet haben. Mögliche Ziele: Zugstrecken in den USA. In Pakistan kommt es inzwischen zu heftigen Protesten gegen die Kommandoaktion der Amerikaner.

Die Führung des Terrornetzwerks al-Qaida hat offenbar erwogen, zum zehnten Jahrestag der Angriffe vom 11. September 2001 Anschläge auf Züge in den USA zu verüben. Das geht aus ersten Informationen vor, die den US-Behörden nach der Tötung von Osama bin Laden zugänglich wurden.

Der Gebäudekomplex im pakistanischen Abbottabad, in dem sich Osama bin Laden jahrelang versteckt hielt: Angeblich traf die US-Spezialeinheit bei ihrem Einsatz auf sehr viel weniger Widerstand als bislang bekannt.

(Foto: AFP)

Die Terroristen dachten demnach bis Februar 2010 darüber nach, einen Zug in den USA entgleisen zu lassen, der dann in ein Tal oder von einer Brücke stürzen sollte. Der Sender ABC News zitierte aus einem vom Heimatschutzministerium veröffentlichten Bulletin an verschiedene Sicherheitsbehörden, demzufolge al-Qaida "eine Operation gegen Züge an einem nicht näher bezeichneten Ort" am zehnten Jahrestag von 9/11 erwog.

Nach Angaben des Senders befinden sich unter dem sichergestellten Material Graphiken und Webseiten, die darauf hinweisen, dass verschiedene Terrorkomplotte in Betracht gezogen wurden. Nach ersten Auswertungen habe aber keines davon die Planungsphase erreicht, es habe sich vielmehr um Überlegungen gehandelt. ABC News berief sich dabei auf US-Regierungsbeamte. Es sei nicht sehr überraschend, diese Information im Haus von Bin Laden zu finden, zitierte CNN einen hochrangigen Beamten.

Das US-Heimatschutzministeriums ließ am Donnerstag eine Warnung an Behörden in den USA herausgeben. Allerdings betonte das Ministerium, dass es sich nur um einen ersten Eindruck nach der Prüfung des Materials handele, der irreführend sein könne. Eine offizielle Terrorwarnung sei deshalb nicht geplant, sagte der Sprecher des Heimatschutzministeriums, Matt Chandler.

Bin Laden wurde in der Nacht zum Montag von einer US-Kommandoeinheit in einem Haus in der pakistanischen Stadt Abbottabad getötet. Nach dem Einsatz durchsuchten die Soldaten das Gebäude und nahmen Computer und Dokumente mit, die nun ausgewertet werden.

Obama will Spezialeinheit persönlich danken

Derweil sind neue Details zu dem Einsatz der US-Kommandoeinheit gegen Bin Laden bekannt geworden: Demnach sind die Spezialkräfte der Navy Seals wohl auf weit weniger Widerstand gestoßen, als von der US-Regierung zunächst angegeben. So schoss nur ein Mann auf die US-Soldaten, der schnell getötet wurde. Dann drangen die Soldaten in das Gebäude ein und erschossen vier weitere Personen, die unbewaffnet waren, darunter Bin Laden, wie aus US-Verteidigungskreisen verlautete.

Als sich die Spezialeinheit der Navy Seals dem Anwesen bin Ladens genähert habe, habe Bin Ladens Bote Abu Ahmed al-Kuwaiti das Feuer eröffnet, sagte der Gewährsmann. Die US-Spezialeinheit habe zurückgeschossen und den Boten sowie eine Frau getötet, die sich in dessen Nähe befunden habe. Ob diese Details für die amerikanische Bevölkerung von Bedeutung sind, ist noch unklar. Die an dem Einsatz beteiligten US-Soldaten werden schon jetzt als Helden gefeiert.

US-Präsident Obama will sich an diesem Freitag mit Mitgliedern des Spezialkommandos treffen und sich persönlich für die erfolgreiche Operation in Pakistan bedanken. Das Treffen findet demnach am Rande eines Besuchs in Fort Campbell im US-Bundesstaat Kentucky statt. Obama will dort vor Soldaten der 101. Luftlandedivision sprechen, die kürzlich von ihrem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrt sind. Bereits am Mittwoch war Obama im Weißen Haus mit dem für Spezialeinsätze zuständigen Vizeadmiral William McRaven zusammengekommen und hatte ihm den Dank der Nation übermittelt.

Am Donnerstag gedachte Obama in New York der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001. Er legte an Ground Zero einen Kranz nieder - dort, wo vor fast zehn Jahren Terroristen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers steuerten und die Gebäude zum Einsturz brachten. 2752 Menschen starben damals.

Es war ein stiller Besuch Obamas: An Ground Zero selbst wandte er sich nur an die Menschen, die bei dem Terrorakt Familienmitglieder oder Freunde verloren hatten. Es gab keine öffentliche Ansprache und nur geladene Gäste kamen näher an den Ort heran.

Nach dem US-Einsatz auf pakistanischen Gebiet ist das Verhältnis zwischen Islamabad und Washington angespannt: Am Vortag drohten die pakistanischen Streitkräfte offen mit der Aufkündigung der Zusammenarbeit im Kampf gegen al-Qaida, sollten die USA das Hoheitsgebiet des Landes noch einmal in ähnlicher Art und Weise verletzen.

Im pakistanischen Quetta haben heute etwa 1500 Menschen gegen die Tötung Bin Ladens protestiert. "Der Heilige Krieg gegen Amerika wird nicht gestoppt werden durch den Tod von Osama", sagte der Geistliche Fazal Mohammad Baraich bei der Kundgebung. Bin Laden sei ein Märtyrer, durch sein vergossenes Blut würden Tausende neuer Osamas geboren. Die Protestierenden riefen "Nieder mit Amerika" und verbrannten US-Flaggen. Weitere Kundgebungen wurden erwartet, zu denen die größte islamistische Partei des Landes, Jamaat-e-Islami, aufgerufen hatte.

Weite Teile der pakistanischen Öffentlichkeit sind empört darüber, dass die USA die Souveränität des Landes mit dem unerlaubten Eindringen der Spezialeinheit verletzt haben.

Die pakistanische Regierung will nun selbst im Kampf gegen den Terror in Aktion treten: Medienberichten zufolge will sie den ebenfalls im Land vermuteten Taliban-Chef Mullah Omar sowie Al-Qaida-Vize Aiman al-Zawahiri fassen. Wie die Zeitung The News unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, soll in nächster Zeit eine "massive Suchaktion" beginnen.

Geheimdienstexperten in den USA und Europa sind einem Zeitungsbericht zufolge überzeugt, dass Bin Laden Hilfe von pakistanischen Behörden hatte. Die Washington Post berichtet unterdessen unter Berufung auf US-Beamte, dass der Geheimdienst CIA Bin Laden in Pakistan über Monate hinweg ausspioniert hat, um die Operation des Spezialkommandos vorzubereiten.

© dpa/dapd/AFP/hai

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