Berlin:Schluss mit lässig

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Berlin Mitte , Straßenszene mit Palais am Festungsgraben sowie Fernsehturm und Berliner Dom Berlin *** Berlin Mitte , st

Berlin, unfertige Stadt: Seit das US-Nachrichtenmagazin „Time“ diese zur „failed city“ erklärte, reißt die Debatte um Pleiten, Pech und Pannen in der Metropole nicht ab.

(Foto: Jürgen Ritter/imago images)

SZ-Korrespondent Jan Heidtmann wuchs im Westen der Stadt auf. Vom beliebten Hauptstadt-Bashing hält er gar nichts: Genörgel von Besserwissern! Die Wahlpannen freilich gehen selbst ihm zu weit.

Das Jahr 2021 war wohl jenes, in dem so schlecht über Berlin gesprochen wurde, wie, na ja, eigentlich schon in den Jahren davor, da holte mich ein altes Trauma ein. Es heißt Berliner Abitur und bedeutete, dass man als Schulabgänger nur halb so ernst genommen wurde, wie - sagen wir mal - ein Abiturient aus Stuttgart. Anders war das nur in Bremen und in ganz Nordrhein-Westfalen. Der schlechte Ruf des Schulsystems hatte auch Konsequenzen: Bei der zentralen Vergabe der Studienplätze bekam man als Berliner einen Abschlag von einer Note. Und das aus gutem Grund. Physik, Erdkunde, Latein, inzwischen weiß ich wenigstens, was ich nicht weiß. Immerhin.

Ich bin im Westen der Stadt aufgewachsen, ich habe dort studiert, ich musste dort nicht zur Bundeswehr und auch keinen Ersatzdienst leisten. Dafür gab es die Berlinzulage und die Senatsreserve, goldschillernde Fleischkonserven ohne Etikett, um eine Belagerung der Sowjets überstehen zu können.

Alle paar Jahre wurden die Bestände kurz vor dem Verfallsdatum verkauft. In der Zeit nach dem Mauerfall habe ich in Berlin schließlich die größte Party der Welt erlebt, sie dauerte Jahre. Ich weiß bis heute, dass es keinen besseren Ort zum Leben gibt, zumindest in Deutschland. Als ich 2019 nach 18 Jahren in München zurück nach Berlin zog, fühlte sich das an wie die erste Zigarette nach einem Langstreckenflug. Schlicht korrekt.

Berlin zeigte sich da, wie ich es von jeher kannte: als gigantischer Abenteuerspielplatz. Diese Spielstätten wurden in den 1970er-Jahren etabliert, also kurz nachdem ich geboren worden war. Das Prinzip ist dabei Folgendes: "Das Wort 'Abenteuer' steht für einen Prozess mit vorläufig unbekanntem Ausgang", heißt es auf spielplatztreff.de, "bei dem die Kinder über das selbständige Tun und Experimentieren, durch den Umgang mit Risiken ihre persönlichen Grenzen austesten und spielerisch erweitern."

Die Kinder, das sind im Fall von Berlin von jeher unter anderem Studierende, Künstler und all die anderen Kreativen mit Wohnsitz in Kreuzkölln und Prenzlhain. "Der Prozess mit offenem Ausgang" wiederum - der trifft in Berlin eigentlich auf sehr vieles zu. Zum Beispiel auf den Versuch, einen Reisepass zu beantragen. Oder einen Flughafen zu bauen. Auf das Bemühen, den neuen Reisepass auch einzusetzen und die Stadt an einem sehr absehbaren Ferienwochenende über den ebenfalls neuen Flughafen verlassen zu wollen. Auf den Versuch, einen Führerschein umschreiben zu lassen. Oder eine Ampel aufzustellen. Das eine kann Wochen, das andere Jahre dauern. Im Fall einer Ampel im Berliner Ortsteil Marzahn sogar ein Vierteljahrhundert. Mitte der 1990er-Jahre erstmals aktenkundig, nahm die Leuchte schließlich in diesem Sommer ihren Dienst auf.

Solche Nachlässigkeiten gehören für mich zur Berliner Folklore. Ich erkenne darin vor allem die Lässigkeit. So war ich bislang immer bereit, meine Stadt gegen jegliche Anfeindungen zu verteidigen, zum Beispiel gegen die selbsternannten Erziehungsberechtigten. Das sind im Fall von Berlin wahlweise Stuttgart, Dresden, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und manchmal sogar die ganze Welt. Legendär ist die Beschreibung des US-Nachrichtenmagazins Time von Berlin als "failed city". Wirklich empört hat das vielleicht ein paar Politiker und die Chefs von Berlin Partner, der Marketingagentur der Hauptstadt. Ansonsten gehen Menschen wie ich davon aus, dass die Kritiker selbst ein Problem haben und es mit Berlin-Bashing kompensieren wollen. Im Fall Münchens gibt es dafür eine ganze Reihe von Anhaltspunkten.

Läuft irgendetwas wieder einmal nicht rund in der Hauptstadt, wird eine Suada angestimmt wie früher nur im Fall der Telekom. Dabei ist der Fetisch des Funktionierens bei diesen Kritikern in Wahrheit Ausdruck eines Mangels. Eines Mangels an Gelassenheit. Es ist die nur dürftig als Blick von oben getarnte Froschperspektive auf das Wesen Berlins.

Was mich selbst angeht, lebte es sich mit dieser Selbstgewissheit lange Zeit erstaunlich gut. Ziemlich genau bis zum 26. September. An diesem Tag kamen zu den "Prozessen mit vorläufig unbekanntem Ausgang" gleich drei Ereignisse hinzu, die alles, aber keinen unbekannten Ausgang vertragen: eine Bundestags-und eine Abgeordnetenhauswahl sowie eine Abstimmung über die Bezirksverordnetenversammlung.

Nach Ablauf dieses Sonntags war vorerst nur ein Sieger sicher: Der Äthiopier Guye Adola hatte den Berlin-Marathon gewonnen, der unbedingt am Wahltag stattfinden musste. Ansonsten war am Superwahlsonntag geschehen, was selbst dem schlimmsten Berlinkritiker kaum eingefallen wäre: 16-Jährige hatten bei der Bundestagswahl mitgestimmt; wenn überhaupt Wahlzettel da waren, konnte es gut sein, dass es die falschen waren; manches Ergebnis wurde nicht ausgezählt, sondern einfach geschätzt. Für mich war dies der "Cringe"-Moment, das erste Mal, dass ich mich ernsthaft für meine Heimatstadt schämte.

Jämmerlicher als der Wahltag selbst war nur der Umgang der Verantwortlichen damit. Die Wahlleiterin, die noch am wenigsten für die Blamage konnte, trat nur zögernd zurück. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller und der für Wahlen zuständige Innensenator Andreas Geisel (beide SPD) tauchten tagelang ab. "Es gibt in Berlin so etwas wie eine kollektive Verantwortungslosigkeit", kommentierte kürzlich Klaus Wowereit. Kurz zur Erinnerung: Wowereit hat als Regierender Bürgermeister das Desaster beim Bau des BER maßgeblich verursacht. Nie hat er jemals Schuld daran eingeräumt. Wenn also ausgerechnet Wowereit plötzlich das Wort ergreift, ist das wirklich alarmierend. Aus der einstigen Lässigkeit ist längst grobe Wurstigkeit geworden. Für Berliner fühlt sich das so an, wie die Senatsreserve schmeckte.

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