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Benedikt XVI. in den USA:Im Zweifel für den Papst

Und von geradezu abgründiger Ironie war der Umstand, dass just zu der Stunde, da der Präsident den Papst empfing, nur eine Meile weiter die Pennsylvania Avenue entlang der Oberste Gerichtshof die Pause für Hinrichtungen wieder aufhob, die er vor Monaten erst erlassen hatte. Immer wieder hatte dieser Papst die USA gemahnt, als letztes Land des Westens endlich die unwürdige Praxis abzuschaffen, Menschen wie Tiere tot zu spritzen. Und nun wird sie trotzig ausgerechnet während seiner Visite bestätigt. Doch das ist nicht mehr als ein flüchtiger Schatten an diesen sonnigen Frühlingstagen in Washington.

Hirte und Schäferhund

Amerika will diesen Papst feiern. Auch wenn es den Mann nicht wirklich kennt: Ein Drittel aller US-Bürger weiß mit dem Namen Benedikt nichts anzufangen. Doch die, die ihn kennen - drei Viertel aller Katholiken und immerhin noch fast die Hälfte aller Amerikaner - haben einen guten Eindruck vom Oberhaupt der Kirche. Auch wenn zu spüren ist, wie sehr diesem Mann des Geistes, des scharfen Arguments, die allumarmende Kultur des Gefühls in diesem Land, diese überschwängliche Wärme seines Empfangs fremd ist.

Das ist schon zu merken, als er bei seiner Ankunft am Dienstagnachmittag trippelnden Schrittes eilig die Gangway hinuntergeht - als könne er so die Zeit abkürzen, die er ungeschützt dem Jubel des handverlesenen Empfangskomitees (es sind meist Soldaten und ihre Angehörigen) ausgesetzt ist. Zur Begrüßung hebt er beide Hände, als er neben dem Präsidenten den roten Teppich entlangschreitet - und winkt mit den Fingern.

Auch entlang der Pennsylvania Avenue ist das zu erleben, der sechsspurigen Prachtachse quer durch Washington, als Benedikt das Weiße Haus in seinem Papamobil um Punkt zwölf Uhr mittags verlässt. Zu Zehntausenden säumen die Menschen die Prozessionsstrecke. Gerade vor dem Tor des Weißen Hauses stehen die Treuesten der Treuen.

"Neokatechumenale" aus Houston, eine Gruppierung innerhalb der katholischen Kirche mit besonders strikten Glaubensriten, der Benedikt nicht ganz abgeneigt gegenübersteht, sind in Gemeindestärke nach Washington gepilgert. Nun recken sie ein Banner hoch, auf dem zu lesen ist: "Willkommen, süßer Christus auf Erden!" Auf Deutsch.

Andere sind etwas lockerer und haben auf ein handgemaltes Plakat in bunten Farben geschrieben: "We love our German Shepherd." Was eine ausgelassene Zweideutigkeit ist. Denn das heißt zum einen, dass sie ihren deutschen Hirten begrüßen. German Shepherds sind aber auch die in Amerika wegen ihres ausgeglichenen Gemüts sehr beliebten Deutschen Schäferhunde. Daneben tanzt eine Gruppe mexikanischer Indios im Kreis, zu Trommelschlägen und Gitarrenwirbeln, mit den Füßen stampfend und unentwegt Halleluja singend.

Es ist ein Volksfest. Und ausgerechnet hier rast das Papamobil durch die von Tausenden Polizisten freigehaltene Schneise. So schnell, dass die Leibwächter vom Secret Service auf ihr schwarzes Begleitfahrzeug aufspringen müssen und nicht neben dem weißen Gefährt Benedikts entlanglaufen können. Der Papst bemüht sich sichtlich: Nach beiden Seiten winkt er hinter dem grünlich schimmernden Panzerglas den Menschen zu, die ihm auf der Straße zujubeln und in Trauben hinter den Fenstern der Bürohochhäuser stehen.

"Religion ist nichts Privates"

Der Papst und seine Zuschauer - Menschen, die sich nur hinter Glasscheiben begegnen. Das ist natürlich Zufall und allein durch die Umstände bedingt. Doch wenn man so will, ist es fast sinnbildlich für die Distanz, die den Papst umgibt selbst in Momenten, da er die Nähe sucht. Nur einmal, für kurze Minuten, werden die wartenden Menschen an diesem Tag direkt zu ihm gelassen, als er die Nuntiatur des Vatikans verlässt.

Und doch erwartet einer wie Conrad, der 20 Jahre junge Student im Washingtoner Baseballstadion, der auch sonst jeden Tag die Messe besucht und überlegt, ob er Priester werden soll, Conrad also erwartet von diesem Mann einen Schub für den Glauben, "der uns Hoffnung und neuen Mut gibt". Tatsächlich gehört ein rechtgläubiger Mensch wie Conrad zur Minderheit in der katholischen Kirche Amerikas.

Denn bald zwei Drittel aller 64 Millionen Katholiken in den USA glauben, dass ihre Kirche "out of touch" ist, das Gespür für sie und ihre Nöte verloren hat. Vor drei Jahren dachte so erst die Hälfte der Kirchenmitglieder. Sie glauben, dass der bedingungslose Bann gegen Abtreibungen falsch ist. Sie glauben, dass der Widerstand der Kirche gegen Scheidungen und Wiederheirat Quatsch und die Ablehnung von Verhütungsmaßnahmen von gestern ist. Und in all diese Wirrnis kamen dann die Enthüllungen über tausendfachen Missbrauch von Jungen und Mädchen durch Priester, der über Jahrzehnte von der Kirche gedeckt wurde.

Der Papst ist aber nicht nach Amerika gereist, um ihnen entgegenzukommen. Keinen Zentimeter hat er sich den Moralvorstellungen seiner Herde angenähert. Das ist das eine. Am Abend in der Krypta von Washingtons Basilika geißelt er den "subtilen Einfluss der Säkularisierung" auch in Amerika und wettert gegen "sexuelles Verhalten im Widerspruch zur katholischen Morallehre". Und dann, mit schneidender Schärfe: "Jeder Tendenz, Religion als Privatsache zu behandeln, muss Widerstand geleistet werden."

Doch hat er erkannt, wie schwer der Missbrauchsskandal noch immer auf Amerikas Katholiken lastet. Schon auf dem Flug nach Washington sprach Benedikt, unerwartet, die Sache an, äußerte Scham im Namen der Kirche. Und beim Abend in der Basilika greift er die Worte eines Bischofs auf und räumt ein, dass der Skandal "manchmal sehr schlecht gehandhabt" wurde. Auch in der Messe kommt er ausführlich auf die große Schande der Kirche in Amerika sprechen. Das ist das andere. Zweifellos wollen viele Katholiken so etwas hören aus dem Mund ihres Oberhirten nach all den Jahren des Schweigens.

Vielleicht ist es diese Mischung aus moralischer Unerbittlichkeit und dem sichtbaren Bemühen des Papstes um menschliche Nähe, wie ungelenk das auch manchmal ausfallen mag, die ankommt in Amerika. "Ich habe das Gefühl", sagt Conrad in Sektion 138, Reihe T, Sitz 29, "dass meine Generation gläubiger ist als vorherige." Benedikt ist mit einer Botschaft der Erneuerung gekommen. Sie wird gehört in Amerika, mit fröhlichem Jubel - jedenfalls für ein paar Tage der Hoffnung.