Benedikt XVI. Die anderen sind schuld

Der emeritierte Papst schweigt nicht zu den Missbrauchsfällen - sehr zum Schaden der katholischen Kirche.

Von Matthias Drobinski

Benedikt XVI., der emeritierte Papst, weiß nun, wer schuld ist, dass katholische Priester Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt antaten: Die 68er sind es mit ihrer Auflösung der Moral, fernerhin die liberalen Moraltheologen, seine Gegner von einst, schließlich die allgemeine Gottvergessenheit.

Ja, hätten sie doch ihren Gott nicht vergessen, die bekanntermaßen studentenbewegten Kardinäle Herman Groer aus Wien oder George Pell aus Australien, als sie ihre Taten begingen! Hätte doch Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation auf Gottes Stimme gehört und das Verfahren gegen den Vergewaltiger Marcial Maciel, den Gründer der reaktionären Legionäre Christi, nicht erst 30 Jahre nach den ersten Berichten der Opfer eröffnet! Sexuelle Gewalt ist transideologisch, und ja: Es gab und gibt sie auch in linken Milieus. Es geht Benedikt XVI. aber gar nicht um die verschiedenen Wurzeln der Gewalt. Seine Botschaft heißt: Ich war's nicht. Es waren die anderen.

Vielleicht ist das so, wenn einer bald 92 Jahre alt wird: Der Horizont wird enger, die Sorge ums Vermächtnis größer. Benedikt XVI. aber ist der Irgendwie-immer-noch-da-Papst der katholischen Kirche; dem das Schweigeversprechen wurst ist, das er bei seinem Rücktritt gab. Entsprechend groß ist nun der Schaden für seine Kirche.