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Autoindustrie:Im Sturm

Die Liebe der Deutschen zum Auto scheint ungebrochen zu sein - ist der Stellenabbau wirklich gerechtfertigt? Wegen des technischen Umbruchs werden noch viel mehr Jobs verloren gehen.

Was für ein Widerspruch in dieser Autoindustrie, scheinbar. Am Freitag kam die Nachricht, dass die Deutschen immer mehr Autos kaufen: 620 000 Wagen mehr gab es hierzulande am 1. Januar 2020 im Vergleich zum Vorjahr. "Fridays for Future", Klimadiskussion, Dauerstau? Alles kaum ablesbar in den Zulassungszahlen. Die Liebe der Deutschen zu ihren Autos ist offensichtlich ungebrochen. Der Industrie geht es prächtig im Heimatmarkt - zumindest war das bis zur Corona-Seuche so. Und dann, auch am Freitag, die Bestätigung der Stellenabbaupläne bei BMW. 6000 Jobs werden bis Jahresende wegfallen, damit reihen sich die Münchner ein bei den anderen deutschen Autobauern: Alle haben bereits Jobs gestrichen. Wachstum hier, Schrumpfen dort? Jammern die Autobosse mal wieder auf allzu hohem Niveau?

Das nassforsche, überlaute Rufen vieler deutscher Automanager nach Kaufprämien, um die Corona-Krise abzufedern, hat zu ihren Ungunsten abgelenkt von den großen, schmerzhaften Umbauarbeiten. Tatsächlich befindet sich die Autoindustrie im größten Wandel ihrer Geschichte. Die Absatzeinbrüche durch Corona kommen hinzu. Es ist schon so etwas wie der "perfekte Sturm", der über die Branche hinwegfegt. Nicht so schlimm wie etwa bei der Lufthansa; die Liquidität der großen deutschen Autobauer ist weiter hervorragend, also muss der Staat absehbar nicht einsteigen. Aber die Herausforderungen sind gewaltig.

Die Antriebe müssen umgestellt werden von Diesel und Benzin auf Elektro. Statt wie gewohnt Wagen zu bauen in abgezahlten Fabriken, müssen nun ganz neue Fahrzeuge entworfen werden, mit denen sich auch weit weniger verdienen lässt: Die Batterien sind und bleiben extrem teuer. Andere Hersteller, allen voran Tesla, sind dabei wendiger, müssen keine Umbauten bewältigen, sondern einfach nur anfangen.

Auch bei der Digitalisierung sind die Deutschen im Hintertreffen. Weil sie lange die Priorität aufs Blechbiegen legten, die Software für nicht so wichtig erachteten. Das kostet Marktanteile, und für die nötige Aufholjagd bei Roboterfunktionen und Digital-Armaturenbrettern braucht es viel Geld. Die Jahresbilanzen zeigen das: Die Gewinne werden kleiner, weil die Investitionen steigen, Unternehmen werden dadurch angreifbarer; der chinesische Einfluss bei Daimler etwa wächst immer weiter. Und die Erlöse werden auch schmäler, weil der Autoabsatz schon vor Corona stagnierte: Deutschland als Markt steht nicht für die Welt. Vier von fünf Wagen gehen in den Export (oder werden gar in Auslandswerken gebaut), und die Nachfrage in China oder den USA war schon vor der Seuche eher verhalten. Deswegen begann bereits im vergangenen Jahr das große Sparen. Und nun kommt auch noch der Einbruch bei den Einnahmen obendrauf: Wegen Corona dürfte ein Fünftel des geplanten Jahresabsatz wegfallen.

Das alles wird dazu führen, dass in Deutschland immer mehr Jobs in der Autoindustrie wegfallen, auch ohne Corona. Darauf muss sich die Branche einstellen. Es gilt den Unternehmergeist in anderen Bereichen zu fördern, bei neuen Mobilitätsdiensten etwa, bei Software allgemein. Und was die Liebe der Deutschen zu den Autos anbelangt: Die wird die Unternehmen im Lande weiter stärken, da braucht es keine Kaufprämie.

© SZ vom 20.06.2020

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