Außenansicht Zauber des hellen Drecks

Die Lichtverschmutzung durch beleuchtete Städte nimmt überall auf der Welt zu. Doch die Elektrizität prägt seit Langem auch Arbeiten, Denken und Wahrnehmung der Moderne.

Von Burcu Dogramaci

In der Nacht glühen die Städte. Vom Weltall aus gesehen leuchtet die Erde hartnäckig und beugt sich nicht dem Zyklus der Tageszeiten. Der Mensch stört das Ökosystem auch durch Lichtverschmutzung. Hundert Jahre nach Gründung des Leuchtmittelherstellers Osram durch Siemens, AEG und Auer muss die Menschheit wieder mit einer ihrer Erfindungen fertig werden. In der Weihnachtszeit lassen die festlich beleuchteten Straßen die Städte noch heller strahlen. Künstliches Licht ist das ätherische Plastik der Gegenwart: so zerstörerisch wie omnipräsent.

Von Anbeginn war das elektrische Licht eine Erfindung, die zwei Seiten des Fortschritts in sich vereinte. Der Mensch konnte nun auch nachtaktiv sein, Straßen wurden sicherer. Zugleich war der Weg für die Nacht- und Schichtarbeit geebnet, die Ausbeutung der Arbeiterschaft nahm zu. Gerade die Elektrifizierung der Städte bot aber auch Impulse für die Künste. Architekten dachten die Illumination im Entwurfsprozess bereits mit. Und 1914 schwärmte der Dichter Paul Scheerbart von "Fabriken, aus denen nachts das Licht durch farbige Glasscheiben strömt". Zwar musste schon im Ersten Weltkrieg zeitweise aus Sicherheitsgründen die Lichtreklame abgeschaltet werden, doch in den Zwanzigerjahren waren leuchtende Werbeschilder beliebt. In der Fotografie der Moderne wurde die nächtliche Stadt wichtig. Einen besonderen Abdruck erhielt das Licht in den sogenannten Lichthöfen, die entstanden, wenn die Kameras nachts auf Gas- oder elektrisches Licht gerichtet waren. Auf den Abzügen erinnert das an gleißende Kometen. Diese Fotografien feiern die Poesie des Lichtes oder, genauer: den Zauber der frühen Lichtverschmutzung.

Burcu Dogramaci lehrt Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.