Außenansicht Wolkenstürmer

Wer die Atomwaffen ächten will, leistet der Welt Bärendienste. Die Global-Zero-Bewegung untergräbt die Sicherheit.

Von Christian Hacke

Heute überbieten sich Politiker, Journalisten und Wissenschaftler gegenseitig in der Idealisierung einer schönen neuen Welt ohne Atomwaffen. Der frühere Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed el-Baradei, setzte Nuklearwaffen sogar mit Sklaverei und Genozid gleich. Kein Wunder, dass Anti-Atom-Organisationen mit dem Nobelpreis geschmückt werden und der Papst jetzt höchstpersönlich hierzu seinen Segen erteilt.

Das ist alles lobenswert und moralisch verständlich, aber man darf doch noch fragen, ob diese Dämonisierung der Nuklearwaffen und die Idealisierung einer nuklearwaffenfreien Welt nicht verfrüht und/oder gar irreführend sein könnte?

Krieg und Konflikt sind nicht erst mit der Atombombe in die Weltpolitik getragen worden, sie können also auch nicht mit der Abschaffung der Atombombe gebannt werden. Die Welt von 1914 bis 1945 war nuklearfrei, aber es gibt Gedenksteine für die gefallenen Soldaten der Weltkriege in jedem Dorf in Europa. Sie erinnern daran, dass die konventionelle Abschreckung gescheitert ist. Das wird heute vergessen. Der Kalte Krieg nach 1945 dagegen blieb kalt - wegen der abschreckenden Wirkung von Nuklearwaffen. Diese Logik der Nuklearstrategie ist furchterregend und für eine gewinnende Kommunikation kaum zu gebrauchen. Aber sie bestimmt die Realität der Weltpolitik - auch im 21. Jahrhundert.

Die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich halten alle nichts von Global Zero, also der nuklearen Ächtungsbewegung. Vielmehr modernisieren und erweitern sie ihre Nukleararsenale. Israel besitzt wohl bald eine Zweitschlagsfähigkeit. Indien, Pakistan und Nordkorea halten selbst unter härtesten ökonomischen Entbehrungen mit aller Macht an ihrem Nuklearstatus fest, ja bauen ihre Kapazitäten weiter aus. Ihre Zurückhaltung gegenüber Global Zero ähnelt - was nicht erstaunt - derjenigen in der Klimadebatte. Warum sollen die nuklearen Hungerleider ihre Arsenale abschaffen, wenn die Weltmächte und die Europäer seit Jahrzehnten mit schlechtem Beispiel vorangehen?

Der Trend zur Weiterverbreitung der Waffe ist leider stärker geworden. Er zeigt, dass unterschiedliche nationale Interessen, historische Erfahrungen und politische Konstellationen den Wunsch nach Nuklearwaffen beflügeln. Die Gründe liegen auf der Hand, werden aber von den Global- Zero-Verfechtern weitgehend negiert: Erstens sind Atomwaffen prestigeträchtig. Zweitens dienen sie der eigenen Sicherheit. Nordkorea zeigt, dass es keine überzeugendere Waffe gibt, um tatsächlich jeden Gegner vor einem Angriff abzuschrecken. Drittens suchen gerade Diktaturen mithilfe von Nuklearwaffen ihr Regime zu stabilisieren, die Waffe festigt diese Staaten. All das macht Global Zero illusorisch.

Atomwaffen werden niemals abgeschafft werden können. Man muss klug mit ihnen umgehen

Nicht die Proliferation an sich, sondern die Weitergabe von Nuklearwaffen an undemokratische Staaten wird zur Hauptgefahr für das nukleare Zeitalter im 21. Jahrhundert. Die Verfechter von Global Zero übersehen, dass Nuklearwaffen im Besitz von demokratischen Staaten prinzipiell eine andere Funktion haben, als wenn sie sich im Besitz von Diktaturen oder Terroristen befinden. Demokratische Nuklearmächte schrecken nukleare Diktaturen ab, sorgen für ein atomares Patt, für ein globales Gleichgewicht, das nicht nur die Beziehungen zwischen den großen Mächten stabilisiert, sondern auch Demokratien Schutz bietet. Deshalb erscheint ein nukleares Gleichgewichtssystem auf möglichst niedrigem Niveau erstrebenswert.

Selbst wenn man heute die nukleare Kriegstechnologie durch Global Zero ächten könnte, die Welt würde nicht sicherer werden. Im Gegenteil, der Rüstungswettlauf würde (wieder) konventionell angeheizt werden und ohne nukleare Abschreckung in die abschreckenden Kriegsmuster von vor 1945 zurückfallen. Misstrauen, Machtambitionen und gegenläufige nationale Interessen nach einem nuklearen Global Zero würden konventionelle Kriege wahrscheinlicher machen.

Selbst wenn es plötzlich keine Nuklearwaffen mehr geben sollte - das Wissen über die Herstellung der Bombe bleibt. Der nukleare Geist ist aus der Flasche. Die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen wäre deshalb auch nach einem Global-Zero-Abkommen nicht zu stoppen. Jedes Land, das sich auf die Ächtung verließe, würde seine Sicherheitsinteressen sträflich vernachlässigen.

Im Übrigen steht die internationale Politik nicht vor der Alternative zwischen einer nuklearen und einer nicht-nuklearen Welt, sondern vor einem anderen Problem: Wie stabilisiert man eine ungerechte nukleare Ordnung und reduziert dabei Nuklearwaffen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessen auf ein Minimum?

Global Zero steht also für Eskapismus, der ohne Rücksicht auf die widrigen Realitäten trotzig mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit sicherheitspolitische Wolkenstürmerei betreibt.

Damit soll eine Vision intellektuell und politisch hoffähig gemacht werden. Tatsächlich aber schwächt sie den freien Westen, stärkt autoritäre Regime, negiert die stabilisierende Rolle von Nuklearwaffen, übersieht die Pluralität der Weltpolitik und lenkt schließlich von den wirklich drängenden weltpolitischen Problemen ab. Doch nicht Weltflucht, sondern Realismus tut not. Nicht die Vision einer nuklearfreien Welt, sondern eine multinukleare Welt wird für das 21. Jahrhundert kennzeichnend sein.

Bislang unbekannte nukleare Bedrohungen und eine wachsende Zahl nuklearer Mächte machen das nukleare sicherheitspolitische Management zu Beginn des 21. Jahrhunderts ungleich schwieriger. Es kommt also darauf an, das Konzept der nuklearen Abschreckung an die neuen Sicherheitsprobleme anzupassen und die neuen Bedrohungen präzise zu analysieren, anstatt sie durch Vermengung und Verallgemeinerung zu dramatisieren. Vor allem dürfen Terroristen und Diktatoren keinen Zugang zu Massenvernichtungswaffen erhalten.

Abgestufte Abschreckung unter Einbeziehung strategischer und taktischer Nuklearwaffen bleibt für die Stabilität und das Gleichgewicht der Weltpolitik auch im 21. Jahrhundert unverzichtbar.

Friedrich Nietzsche hatte die Schwächen eines allzu großen Idealismus schon früh erkannt: "Alle Idealisten bilden sich ein, die Sachen, welchen sie dienen, seien wesentlich besser als alle anderen Sachen in der Welt," schrieb er in "Menschliches, Allzumenschliches". "Sie wollen nicht glauben, dass, wenn ihre Sache gedeihen soll, sie genau desselben übel riechenden Düngers bedürfen, welchen alle menschlichen Unternehmungen nötig haben."