Außenansicht Schule muss menschlich bleiben

Angehende Lehrer sollen künftig in virtuellen Welten auf den Umgang mit Kindern vorbereitet werden - ein Irrweg.

Von Klaus Zierer

Die Digitalisierung verändert immer mehr Lebensbereiche, nun erreicht sie auch die Lehrerbildung. Sie steht im Zentrum der aktuellen "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" von Bund und Ländern. Auf der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist die Rede davon, dass "Lehrerinnen und Lehrer von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des Bildungssystems" seien - und deshalb "besonders innovative und zukunftsweisende Maßnahmen zur Digitalisierung in der Lehrerbildung" gefördert werden sollen. Aber stimmt dieser Zusammenhang wirklich: je digitaler die Lehrerbildung, desto besser die Lehrenden? Oder braucht es nicht vielleicht doch eher mehr Menschlichkeit?

Der Glaube daran, dass Digitalisierung zu Bildungsrevolutionen führt, ist allgegenwärtig. Und so überrascht es nicht, dass ein derzeitiges Mainstreamprodukt explizit erwähnt wird in der "Qualitätsoffensive": Virtual Reality (VR), also eine vom Computer hergestellte Wirklichkeit. Solche digitalen Welten sollen für "innovative Lernkontexte und -formate" entwickelt werden, "um generell die didaktische und methodische Qualität von Lehr-Lern-Prozessen und -Ergebnissen und ihre Übertragbarkeit in allen Phasen der Lehrerbildung und Schulpraxis zu erhöhen". Was sich dahinter verbirgt, ist gar nicht so innovativ. Denn die Vorreiter in Sachen Digitalisierung, USA und China, sind schon längst auf dem Weg. Wie das geht, kann man sehr schön im Internet verfolgen.

Studierende stehen also, ausgestattet mit Virtual-Reality-Brillen, in einem Seminarraum an der Universität. Sie sehen Schülerinnen und Schüler als animierte Zeichentrickfiguren, die bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen. In diesem virtuellen Kontext sollen Studierende nun ihr Wissen aus Vorlesungen und Seminaren umsetzen. Beispielsweise müssen sie durch besonnenes Einschreiten Störungen des Unterrichts beseitigen. Tom und Jerry, zwei fiktive Figuren, sind so programmiert, dass sie auf das Handeln der Studierenden reagieren. Gehen die Studierenden im Sinn der Programmierung korrekt mit den Störern um, dann beteiligen sich Tom und Jerry wieder am Unterricht. "Klassenführung" lautet der Fachbegriff für diesen Lerninhalt.

Technisch ist all das möglich. Aber wie im schulischen Unterricht, so drängt sich für eine erfahrene Lehrperson auch bei der Lehrerbildung die Frage auf: Ist das wirklich pädagogisch sinnvoll? Vielleicht lohnt sich zunächst die Reflexion: Wann sind Virtual-Reality-Welten sinnvoll? Sie sind sinnvoll vor allem dann, wenn Situationen nachgestellt werden, die für Menschen in der Realität gefährlich werden können. Sodann sind sie sinnvoll, wenn Situationen nachgestellt werden, die in der Realität höchst selten vorkommen.

Mit Blick auf die Lehrerbildung muss man feststellen: Weder ist für Studierende der Kontakt mit Schülerinnen und Schülern gefährlich, geschweige denn lebensgefährlich, noch sind Schülerinnen und Schüler Mangelware. Allein in Deutschland gibt es laut aktueller Bildungsstatistik der Kultusministerkonferenz über acht Millionen von ihnen - und in den täglich über zwei Millionen Unterrichtsstunden ergeben sich genügend Situationen, um Klassenführung zu üben und Unterrichtsstörungen zu vermeiden. Aber, ist man geneigt zu entgegnen, die Virtual-Reality-Welten ermöglichen es doch, im geschützten Raum die Fähigkeiten zur Klassenführung zu trainieren. Das stimmt jedoch nicht: Entscheidend für die Interaktion im Klassenzimmer ist und bleibt die persönliche Beziehung. Schön nachzulesen ist das in John Hatties Buch "Visible Learning", einem Meilenstein der empirischen Bildungsforschung. Die "Lehrer-Schüler-Beziehung" hat demnach die größte Wirkkraft im Unterricht, sie ist Voraussetzung dafür, dass "Klassenführung" überhaupt funktioniert. Deshalb sind es auch weniger die Techniken, die die Grundlage schaffen für ein erfolgreiches Handeln von Lehrpersonen. Entscheidend sind: emotionale und soziale Intelligenz.

Lehrpersonen müssen in der Lage und bereit sein, eine Beziehung zu ihren Lernenden aufzubauen, Nähe zu ermöglichen, ohne Distanz aufzugeben, Wertschätzung im Umgang zu signalisieren und dadurch eine Kultur des Vertrauens und des Zutrauens zu erzeugen. Um also so etwas wie Klassenführung zu verbessern, muss nicht nur die Kompetenz im Umgang mit Unterrichtsstörungen geschult werden, sondern auch die dafür notwendige Haltung entwickelt werden. All das lässt sich in Virtual-Reality-Welten nicht umsetzen; es fehlt ihnen schlicht und ergreifend die Menschlichkeit.

Noch etwas kommt hinzu: Diese Virtual-Reality-Welten sind Ausdruck einer Haltung gegenüber Studierenden, die höchst problematisch ist. Wer die VR-Ausbildung favorisiert, traut den Studierenden nicht zu, von Beginn an mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten und möchte sie vor Fehlern bewahren. Allerdings sind Fehler - auch in der Lehrerbildung - der Motor des Lernens. Sie vermeiden zu wollen, ist falsch. Richtig ist, Fehler zu machen und sie gemeinsam zu verarbeiten.

Erfolgreiche und nachhaltige Lehrerbildung traut den Studierenden etwas zu und schafft Zeiten und Räume an Schulen, wo im Team Erfahrungen gesammelt werden, wo Unterricht von Anfang an als dialogischer Ort gesehen wird, wo Fehler als konstruktives Element wahrgenommen und genutzt werden, um die eigene Professionalität weiterzuentwickeln. So wird das Vertrauen in die gemeinsame Wirkkraft von Lehrpersonen gestärkt. Dieses Vertrauen ist aktuell der wichtigste Faktor an unseren Schulen. Es geht um das gemeinsame Aushandeln und stetige Hinterfragen von schulischen Qualitätsstandards.

Was für die Schulen gilt, das gilt auch für die Lehrerbildung. Wann immer es um Pädagogik geht, ist - solange wir Menschen als Menschen behandeln und nicht als Maschinen - die Investition in Menschen einer technisch zwar interessanten, pädagogisch aber wenig sinnvollen Investition vorzuziehen. Technik hat dem Menschen zu dienen. Virtual-Reality-Welten dürfen die reale Welt nicht ersetzen; sie sind dazu nicht geeignet. Sie können diese nur ergänzen.

Hierfür ist Professionalität aufseiten der Lehrenden unabdingbar. Sie müssen wissen, wann es sich lohnt, digitale Medien hinzuzuziehen, und wann es besser ist, sie auszuschalten. Die aktuelle "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" ist daher unter das Primat der Pädagogik zu stellen. Technische Spielereien am und mit Menschen sind bereits heute aus empirischer Sicht unsinnig. Aus ethischer Sicht betrachtet sind sie verantwortungslos.