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Außenansicht:Leidenschaftlich spielen

Warum meine Karriere als Handballer eine gute Schule für die Arbeit als Theaterregisseur war.

Martin Kušej, 57, ist Intendant des Münchner Residenztheaters und wird in diesem Jahr an das Burgtheater Wien wechseln. Der gebürtige Kärntner spielte viele Jahr lang in Österreich hochklassig Handball.

(Foto: Robert Fischer)

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mal wieder live als Zuschauer in der Halle bei einem Handballmatch gelandet. Die österreichische Nationalmannschaft spielte gegen Schweden, eines der besten Teams der Welt, - und konnte sogar halbwegs mithalten. Überraschend war für mich aber noch etwas ganz anderes. Plötzlich kehrte sich mein Leben um, und ich wurde etwa 35 Jahre zurück in meine Vergangenheit katapultiert.

Nicht nur, dass ich Freunde und alte Mitspieler wieder traf, von denen ich im Leben nicht gedacht hätte, sie jemals wiederzusehen. In meinem Körper regten sich alte Reflexe. Die Spannung des Spiels kroch in meine innersten Fasern, und meine instinktive Erinnerung suggerierte mir, ich könnte da unten auf dem Spielfeld mitmachen, vollgepumpt mit Adrenalin und in der Lage, eine Stunde dieses Tempo mitzulaufen.

Das ist natürlich Quatsch: Dieser Sport hat mir zwei Hüftgelenke aus Titan beschert, an meinen Händen ist jeder Finger mindestens einmal ausgerenkt gewesen, und die Bänder an den Knöcheln schlottern. "Voltaren" hieß mein treuer Begleiter über viele Jahre beim Aufwachen und beim Einschlafen. Würde ich es dennoch wieder tun? - Auf jeden Fall!

In meinem früheren Leben habe ich an die zwölf Jahre lang in der ersten und zweiten österreichischen Bundesliga Handball gespielt. Dieser Leistungssport hat meinen Alltag maßgeblich geprägt und bestimmt - bis ich meine eigentliche Passion, das Theater, entdeckte.

Ich war ein halbwegs passabler Rückraumspieler, erst spät ein begeisterter Kreisläufer und ziemlich unüberwindbar in der Abwehr. Mit meiner Mannschaft bin ich schon als junger Mensch viel in Europa herumgereist; wir waren in Italien, Ungarn, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, in Holland und in Deutschland. Diese Spiele waren für mich frühe Ausflüge in andere Kulturen und Sprachen; als Erstes musste ich immer für alle anderen dolmetschen. In Prag hatte ich ein Buch von Milan Kundera im Gepäck - damit hatten die Frauenbekanntschaften nach einem Spiel einen ganz anderen Hintergrund. Die Stadt Triest habe ich über den Handball kennengelernt. Heute überlege ich, irgendwann dorthin zu ziehen.

Einmal, während eines Turniers in Dessau in der DDR - ich war bereits ein junger, aber arbeitsloser Regisseur -, hatte ich unseren Stasi-Aufpasser abgeschüttelt und war stracks in die Kantine des Theaters marschiert. Ich bat darum, den Intendanten sprechen zu dürfen, und als ich ihm gegenübersaß, schlug ich ihm eine Regiearbeit an seinem Haus vor. Er war derart von meiner Idee überrascht, dass er einwilligte - und wenn nicht die Wende dazwischengekommen wäre, dann hätte ich womöglich meine Karriere zusammen mit Frank Castorf und Leander Haußmann in der DDR begonnen.

Im Kollektiv schwimmt man auf einer Welle von Dopamin, Adrenalin, Endorphin, Serotonin

Ich habe mit einigen Weltmeistern und Olympiasiegern zusammen- oder gegen sie gespielt, also meist auf hohem Niveau. Als ich schon am slowenischen Nationaltheater inszenierte, trainierte ich noch mit der jugoslawischen Meistermannschaft "Olimpija Ljubljana" mit. Deren Spieler fanden diesen Theater-Fuzzi ganz lustig, und der Trainer ließ mich stundenlang Gegenstöße trainieren - ohne Torwart. Dabei läuft man mit vollem Tempo und Ball auf das vermeintlich gegnerische Tor zu, springt und schließt mit einem Torwurf ab. Den Wurf hängte ich eher so pro forma dran, bis der Trainer mich anpflaumte: Was ich Idiot denn mache? Ich sagte: Naja, ist doch kein Torwart drin! Er: Ich sage doch, dass du ein Idiot bist. Du läufst jetzt noch mal 40 Gegenstöße und jedes Mal knallst du den Ball rein, als wäre der beste Torwart der Welt dein Gegner!

Warum ich das erzähle? Gerade diese Anekdote mit dem "so tun als ob", und das mit aller gebührenden Ernsthaftigkeit und Härte, hat sehr viel mit dem Beruf des Theatermachers gemein. In dieser Zeit schwenkte ich langsam in diesen Beruf über, begrub meine sportliche Karriere und startete eine neue. Aber sehr vieles aus meiner Zeit als Handballspieler habe ich mitgenommen und später im Theater umgesetzt.

Charaktere und dynamische Prozesse einer Mannschaft sind vergleichbar mit denen eines Ensembles, eines Teams, das schauspielerische, künstlerische Arbeit leistet. Ich weiß, wie wichtig die Psyche in einem Hochleistungsgeschäft ist, wie ausschlaggebend perfekte Vorbereitung sowie körperliche und mentale Verfassung einer Mannschaft sind. Was ein Individuum wertvoll macht für ein Kollektiv und umgekehrt. Vor allem auch, welche Bedeutung Führungsspieler/ Protagonisten und Trainer/ Regisseure/ Intendanten haben. Wie wichtig neben der Verausgabung auch die Phasen der Regeneration und Erholung sind. Und so wie im Handball der Erfolg, der Sieg eine nicht garantierte Größe ist, so ist auch die perfekte Theateraufführung ein rares Ereignis, das man nicht wirklich planen kann.

Im besten Fall aber erlebt man als Akteur eine Fülle starker, sinnlicher Zustände. Wenn man bereit ist, die eigenen Grenzen zu überschreiten, schwimmt man zusammen mit seinem Kollektiv auf einer Welle aus Dopamin, Adrenalin, Endorphin und Serotonin. Ich habe es sowohl auf dem Handballfeld als auch im Theater schon exakt so erlebt.

Handball ist ohne Zweifel der komplexeste Mannschaftssport. Schnell, hart, taktisch anspruchsvoll, abwechslungsreich, mitunter dramatisch, von Schiedsrichtern extrem beeinflussbar - hier hätten wir also auch die Buhmänner! - und entgegen der gängigen Meinung auch äußerst fair. Bei einem Sport mit einem so hohen Verletzungsrisiko kann es sich niemand leisten, die Gesundheit der anderen aufs Spiel zu setzen. Und Handballer heulen nicht rum; wenn einer liegen bleibt, dann kann man sicher sein: Es hat richtig wehgetan.

Ich weiß, dass dieser enorme Einsatz und diese enorme Bereitschaft zu "geben" sowohl im Theater als auch im Handball die Zuschauer faszinieren. Unser Spiel zieht sie in ihren Bann - und auch in diesem Hochemotionalen sehe ich einen starken Zusammenhang.

Ich habe die Hauptrunde der aktuellen Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark mit großem Interesse verfolgt. Die deutsche Mannschaft hat eine Hammergruppe erwischt und sich dennoch für das Halbfinale qualifiziert. Ich wünsche ihr alles Gute auf dem Weg zum möglichen Titel.

Österreich hat sich bei dieser Weltmeisterschaft übrigens schon wieder vorzeitig aus der Elite verabschiedet - das wenigstens kann man im Fall des österreichischen Theaters nicht behaupten.

© SZ vom 25.01.2019
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