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Außenansicht:Kriegsspiele

Nora Müller

Nora Müller, 39, leitet den Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung.

(Foto: Claudia Hoehne)

Israel und die Hisbollah im Libanon rüsten gegeneinander auf. Die Lage kann schnell außer Kontrolle geraten.

Elf Jahre lang war es ruhig an der israelischen Nordgrenze. Doch seit einiger Zeit gibt es immer mehr Anzeichen, dass Israel und Hisbollah sich für einen neuen Krieg wappnen. In den vergangenen Monaten hat die Zahl israelischer Militärschläge gegen Ziele der "Partei Gottes" in Syrien zugenommen. Die israelischen Streitkräfte (IDF) halten groß angelegte Manöver ab und verstärken demonstrativ ihre Verteidigungsinfrastruktur. Auch rhetorisch fahren beide Seiten schweres Geschütz auf: Der Kommandeur der israelischen Luftwaffe Amir Eshel warnte, im Falle eines Waffengangs würden die Streitkräfte von Anfang an mit maximaler Härte durchgreifen. Anlässlich des jährlichen Al-Quds-Tages (Al Quds ist der arabische Name für Jerusalem) drohte Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah, der nächste Krieg zwischen Israel und der Partei Gottes werde nicht in Libanon, sondern auf israelischem Boden ausgetragen. Tausende schiitische Kämpfer aus der gesamten islamischen Welt, die zurzeit das Assad-Regime in Syrien unterstützten, stünden bereit, um sich dem Kampf gegen Israel anzuschließen, so Nasrallah.

Auch wenn eine risikoreiche Konfrontation mit unkalkulierbarem Ausgang weder Israel noch der Schiitenmiliz gelegen käme - beide Seiten lassen keinen Zweifel daran, dass sie für einen neuen Konflikt gerüstet sind. Das Eskalationspotenzial ist hoch, die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung real. Sechs-Tage-Krieg, Libanon-Krieg, Gaza-Krieg: Allzu oft wurden Kriege in der Hitze des nahöstlichen Sommers geführt, und manch einer glaubt, die nächste Konfrontation stehe kurz bevor.

In Jerusalem nimmt man mit Sorge zur Kenntnis, dass sich die Partei Gottes auf den Schlachtfeldern Syriens trotz erheblicher eigener Verluste von einer Guerillaorganisation zu einer schlagkräftigen Armee entwickelt hat. Angeblich hält Hisbollah 20 000 aktive Kombattanten unter Waffen; hinzu kommen weitere 25 000 Reservisten. Vor Israels Haustür - auch auf dem syrischen Teil der 1981 von Israel annektierten Golan-Höhen - wird der Einfluss Irans und seiner Protegés zunehmend stärker. Je mehr die Terrormiliz IS zurückgedrängt wird, desto größer sind die Räume, die sich für Hisbollah und andere schiitische Milizionäre öffnen. Vor allem was derzeit im Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak geschieht könnte langfristige Folgen für das strategische Gleichgewicht in der gesamten Region haben: Von Iran unterstützte Milizenverbände stoßen von syrischer und irakischer Seite Richtung Grenze vor. Gelingt es ihnen, sich zu vereinen, wäre Teherans strategisches Großziel - ein schiitischer Korridor von der Islamischen Republik bis in die Levante und zum Mittelmeer - erreicht.

Dank iranischer Hilfe kann die "Partei Gottes" heute Präzisionswaffen herstellen

Anders als an der israelisch-libanesischen Demarkationslinie, entlang derer ein Gleichgewicht der Abschreckung mit klaren Regeln zur Konfliktvermeidung herrscht, gibt es für Syrien keine vergleichbaren Arrangements zwischen israelischen Streitkräften und Hisbollah. Zwar beschränken sich die Interventionen Israels im benachbarten Bürgerkriegsland auf sogenannte chirurgische Schläge, vor allem gegen für Hisbollah bestimmte Waffen-Konvoys. Doch im gegenwärtigen Klima könnte schon ein Funke ausreichen, um eine fatale Eskalation in Gang zu setzen. Hinzu kommt: Mit schätzungsweise bis zu 120 000 Kurz- und Mittelstreckenraketen sind die Arsenale von Hisbollah bis zum Rand gefüllt. Doch auch Israel hat in den vergangenen elf Jahren aufgerüstet. "Heute können wir in 48 Stunden erledigen, wofür wir während des Zweiten Libanon-Kriegs [2006]34 Tage brauchten", so Luftwaffenkommandeur Eshel.

Besondere Kopfschmerzen bereitet der israelischen Führung indessen, dass Hisbollah inzwischen dank iranischer Hilfe in der Lage ist, moderne Präzisionsflugkörper auf libanesischem Boden herzustellen. Eine neue, für Jerusalem nicht hinnehmbare Qualität. "Wird die Hisbollah nicht an die Kette gelegt, steuern wir auf einen erneuten Konflikt zu", so ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter. Israelische Medien berichten, in Jerusalem ziehe man einen Präventivschlag gegen die Raketenfabriken der Partei Gottes in Betracht, um Israels Abschreckungskraft zu sichern. Auf libanesischer Seite wächst unterdessen die Sorge, Israel könne Landstriche im Süden der Republik als Puffer-Zone annektieren.

Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt auch von der Großwetterlage in der Region ab. Die Härte der Regierung Trump gegenüber Iran und seinen regionalen Verbündeten lässt vermuten, dass das Weiße Haus Israel bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Hisbollah freie Hand lassen, möglicherweise sogar militärisch helfen würde. Ein robustes Vorgehen Jerusalems gegen die schiitische Miliz würde - mindestens hinter vorgehaltener Hand - auch von Washingtons sunnitisch-arabischen Verbündeten begrüßt, welche die Dominanz Teherans und seiner Klienten schon lange stört. Für Iran wäre eine militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und Hisbollah vor allem eines: eine nicht besonders willkommene Ablenkung von der Durchsetzung seiner strategischen Ziele in Syrien und im Irak.

Immerhin böte der Konflikt Teheran aber die Chance, sein Image in der sunnitisch-arabischen Welt aufzupolieren und sich statt als Parteigänger des verhassten Assad-Regimes als Anführer der Achse des Widerstands gegen Israel in Szene zu setzen. Moskau sähe sich in einer schwierigen Situation. Der Drahtseilakt russischer Nahostpolitik - gute Beziehungen zu Israel und zur Partei Gottes gleichzeitig - funktioniert nur, solange keine offene Konfrontation zwischen den verfeindeten Parteien ausbricht.

Und Europa? Auf der Bühne der Nahostpolitik spielen die Europäer nach wie vor eine Nebenrolle. Zur Untätigkeit verdammt sind sie jedoch nicht. Mit circa 3 500 Soldaten, die im Rahmen der Interimstruppe der Vereinten Nationen in Libanon (Unifil) die Einhaltung der UN-Resolution 1701 überwachen, tragen die Europäer zum Spannungsabbau zwischen Israel und Hisbollah bei. Je größer also die Eskalationsgefahr, desto wichtiger das Bekenntnis zu der UN-Mission. Darüber hinaus tun die Europäer, denen man sowohl in Jerusalem als auch in Teheran Gehör schenkt, gut daran, beide Seiten zur Mäßigung aufzurufen. Kommt es tatsächlich zum Krieg, sollte Europa sich vor allem für einen zügigen Waffenstillstand einsetzen - auch im eigenen Interesse.

Nahöstliche Konflikte besitzen die unangenehme Eigenschaft, sich früher oder später auch auf Europas Sicherheit auszuwirken.

© SZ vom 19.07.2017

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