Außenansicht Die Zukunft des Digitalen

Im globalen Wettrennen um künstliche Intelligenz hat Deutschland nur eine Chance, wenn es mit anderen EU-Staaten kooperiert.

Von Stefan Heumann

Stefan Heumann, 40, ist Politikwissenschaftler. Er leitet die Stiftung Neue Verantwortung, eine Denkfabrik, die auf Technologie, Politik und Gesellschaft spezialisiert ist.

(Foto: Sebastian Heise)

Mit der digitalen Vernetzung nimmt die global erzeugte Datenmenge dramatisch zu. Menschen können die riesigen Datenberge längst nicht mehr bewältigen. Damit werden automatisierte Systeme der Datenverarbeitung und -auswertung - allgemein unter dem Schlagwort künstliche Intelligenz (KI) bekannt - zur zentralen Schlüsseltechnologie. Denn die vielen Daten sind ohne intelligente Systeme, die aus ihnen die richtigen Schlüsse ziehen, nutzlos: ob Verkehrsleitsysteme, Energiesteuerung oder Industrie 4.0, "smart" werden diese Anwendungen erst durch die automatisierte Auswertung riesiger Datenmengen.

Die großen Technologiekonzerne in den USA und China haben das erkannt. Im Jahr 2016 allein haben sie zusammen zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar in die Erforschung und Entwicklung künstlicher Intelligenz gesteckt. Die beiden Länder wetteifern um die Beherrschung dieser Schlüsseltechnologie. Wer hat die Nase vorn? Im vergangenen Jahr zogen chinesische KI-Start-ups erstmals mehr Wagniskapital an als ihre Konkurrenten in den Vereinigten Staaten. Chinas offizielles Ziel ist es, bis 2030 eine globale Vorreiterrolle in der KI zu spielen, von der sich das Land einen gigantischen Innovationsschub verspricht.

Auch in Deutschland beschäftigen sich Politiker mittlerweile mit der Bedeutung von KI für Wirtschaft und Wohlstand. Im Koalitionsvertrag wird angekündigt, die Förderung dieser zentralen Technologie aufzustocken. Forschungsgeld allein wird allerdings nicht ausreichen, um vorn mitzuspielen. Nur eine breit angelegte KI-Strategie, in der Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Partnern seine Stärken in diesem globalen Wettstreit einsetzt, kann zum Erfolg führen.

Der technologische Wettstreit der großen Wirtschaftsmächte ist auch ein Wettstreit verschiedener politischer Systeme und ihrer gesellschaftlichen Werte. In den USA wird KI vor allem von den großen Internetunternehmen wie Google, Facebook und Amazon vorangetrieben. Sie brauchen diese Technologie, um die vielen Datenspuren ihrer Nutzer noch genauer auszuwerten und ihnen so gezielt Werbung und Produktempfehlungen anzeigen zu können. China geht planwirtschaftlich vor und sieht die große Chance, endlich im Technologiesektor weltweit in der ersten Liga mitzuspielen. KI soll dem chinesischen Staat aber auch helfen, gegen die eigenen Bürger gerichtete Zensur-, Überwachungs- und Kontrollsysteme zu verbessern.

Auch politische und ethische Gesichtspunkte können zu einem Standortvorteil werden

In der Positionierung zwischen den USA und China liegt zugleich Gefahr und Chance. Wenn Deutschland bei dieser Schlüsseltechnologie weder von den USA noch von China abhängig werden will und sich auch nicht darauf beschränken möchte, Nutzung und Einsatz der KI zu regulieren, muss es konsequent eigene Kompetenzen in Forschung und Entwicklung ausbauen und fördern. Nationales Forschungsgeld und die im Koalitionsvertrag angestrebte enge Kooperation mit Frankreich in einem gemeinsamen Forschungszentrum sind wichtige erste Schritte. Angesichts der immensen Ressourcen, die in den USA und China mittlerweile in diese Technologie gesteckt werden, kann mittelfristig nur ein gemeinsamer europäischer Ansatz zum Erfolg führen. Es wird allerdings nicht allein darauf ankommen, wie viel Geld Europa in die Forschung und Entwicklung von KI investiert. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie das Geld ausgegeben wird.

In der Grundlagenforschung ist Europa bereits Spitze. Die Entwicklung konkreter Anwendungen und darauf aufbauender Geschäftsmodelle ist aber nach wie vor Europas schwacher Punkt. Die Europäer brauchen einen agilen Ansatz, der auf Wettbewerb und das schnelle Testen neuer Ideen in der Praxis setzt. Der Aufbau einer europäischen "Agentur für Disruptive Innovationen", wie sie der französische Präsident Emmanuel Macron vorgeschlagen hat, ist ein vielversprechender Vorstoß. Angelehnt an die amerikanische Defense Advanced Research Project Agency (Darpa) würde das europäische zivile Gegenmodell darauf setzen, vielversprechende Pilotprojekte mit hohem Potenzial für konkrete Anwendungsfälle zu finanzieren.

Zusätzlich müssen die Bedingungen für die Forschung verbessert werden. Forschungsförderung muss weniger bürokratisch und die Gehälter müssen attraktiver werden. Denn wenn Europas beste Köpfe aus der Wissenschaft weiter in die Industrie oder in die USA abwandern, verlieren wir nicht nur wichtiges Know-how, sondern auch Mentoren für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die astronomischen Gehälter, die talentierte KI-Forschern derzeit von der Industrie angeboten bekommen, zeugen davon, dass der internationale Technologiewettbewerb vor allem ein Wettbewerb um die besten Köpfe ist. Es zeigt sich aber, dass die Experten nicht allein nach finanziellen Anreizen entscheiden, für wen und wo sie arbeiten möchten: Auch politische und ethische Gesichtspunkte können zu einem entscheidenden Standortvorteil werden.

Eine KI-Strategie für Europa sollte deshalb nicht den Fehler machen, sich nur auf Forschung, Anwendung und kommerzielle Chancen von KI zu beschränken. Stattdessen sollte sie sich explizit auch den schwierigen ethischen Fragen stellen, die diese Technologie aufwirft. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von automatisierten Entscheidungssystemen im Alltag muss die Qualität und Überprüfbarkeit dieser Systeme sichergestellt werden. Und Europa sollten klare Grenzen für den Einsatz dieser Technologie ziehen. Diese Grenzen müssen gewährleisten, dass durch den Einsatz von KI Menschen nicht diskriminiert und benachteiligt werden. Digitale Anwendungen müssen mit unseren Werten und Grundrechten vereinbar sein. Auf internationaler Ebene gilt es, den Diskurs um die ethischen Grenzen und die völkerrechtliche Normierung autonomer Waffensysteme voranzutreiben.

China versucht derzeit mit viel Geld und patriotischen Appellen, die besten chinesischen Forscher aus den USA zurückzuholen. Für ausländische Experten aber bleibt China ohne Demokratie unattraktiv. Die USA üben noch immer hohe Anziehungskraft auf die besten KI-Forscher weltweit aus. Doch die Präsidentschaft Donald Trumps und seine repressive Einwanderungspolitik drohen diesen Vorteil zunichte zu machen. Europa sollte diese Gemengelage für sich nutzen: Ein attraktives Forschungsumfeld gepaart mit einem wertebasierten Ansatz wird nicht nur die besten Experten in Europa halten, sondern auch eine enorme Strahlkraft nach außen entwickeln. Damit wäre die Grundlage geschaffen, um in Europa selbstbewusst und selbstbestimmt zu entscheiden, wie die KI künftig entwickelt und eingesetzt wird.