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Außenansicht:Das Schicksal der Ozeane wenden

Sebastian Unger

Sebastian Unger, 41, ist Projektleiter für die Governance der Ozeane am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

(Foto: IASS/Lotte Ostermann)

Deutschland muss bei der Rettung der Weltmeere eine führende Rolle übernehmen.

Armutsbekämpfung, Ernährungssicherung, Klimawandel und Ressourcenschutz: Ohne einen sauberen und nachhaltig genutzten Ozean lassen sich die großen Zukunftsfragen nicht lösen. Schon heute lebt gut die Hälfte der Weltbevölkerung in Küstenregionen, 2020 werden es voraussichtlich fast zwei Drittel sein. Fast drei Milliarden Menschen decken große Teile ihres Proteinbedarfs mit Fisch. Die Meere sind ein wichtiger Arbeitgeber, besonders in Entwicklungsländern. Und auch beim Klima spielen die Ozeane eine entscheidende Rolle: Sie nehmen einen beträchtlichen Teil des menschengemachten Kohlendioxids und fast die gesamte zusätzliche Wärme auf. Der Ozean ist "zu groß, um zu scheitern", wie der Economist schrieb.

Vorige Woche sorgte eine große internationale Meereskonferenz auf Malta für dramatische Schlageilen über den schlimme Zustand der Ozeane. Die Weltmeere sind in der Krise: Überfischung, Klimawandel, Artenschwund und die Verschmutzung durch Müll, Nährstoffe, Öl und Chemikalien. Klimawandel und Meeresversauerung könnten bis 2050 zum Absterben aller Korallenriffe führen. Möglicherweise wird der Plastikmüll im Meer bis dahin mehr wiegen als alle Fischschwärme zusammen. Von der Übernutzung der Meere sind häufig die Ärmsten am stärksten betroffen. Wer ursachenorientierte Flüchtlingspolitik ernst meint, muss auch aus diesem Grund eine nachhaltige und effektive Meerespolitik betreiben.

Wo steht Deutschland, wenn es um die Rettung der Ozeane geht? Die Bundesregierung hatte zuletzt viel Anerkennung dafür erhalten, dass die G-7- und G-20-Staaten unter der deutschen Präsidentschaft ein gemeinsames Vorgehen gegen die Meeresverschmutzung beschlossen hatten. Auch der Umweltchef der Vereinten Nationen, Erik Solheim, lobte Deutschland, machte zugleich aber deutlich, dass jetzt Länder auch bereit sein müssen, beim Schutz der Meere international eine Führungsrolle zu übernehmen. Deutschland engagiert sich heute mit einer Vielzahl politischer Initiativen, Förderprogrammen und Projekten für den Schutz der Meere. Doch was fehlt sind strategische Ziele und die Abstimmung der unterschiedlichen Initiativen untereinander. Höchste Zeit also, darüber nachzudenken, wie der Meeresschutz zu einer Priorität deutscher Politik werden kann.

Die Zeit wird knapp: Die Industrialisierung der Ozeane hat gerade erst begonnen

Wie beim Klimaschutz gibt es auf die Meereskrise keine einfachen Antworten. Fische und Verschmutzung machen nicht an politischen Seegrenzen halt. Staaten und verschiedene Nutzergruppen müssen zusammenarbeiten. Doch der flickenartige institutionelle Rahmen mit unterschiedlichen Abkommen für Schifffahrt, Fischerei, Abbau von Bodenschätzen und Meeresschutz macht es schwer, international zu handeln. Oft sind die Folgen menschlichen Handelns für die Meere kaum sichtbar. Der Großteil liegt hinter dem Horizont und unter der Wasseroberfläche. Was wir essen, wie wir uns kleiden, wie wir reisen, kurz, wie wir leben - all das hat Auswirkungen auf die Ozeane und braucht zusammengedachte Antworten. Und zwar schnell, denn die Industrialisierung der Meere steht noch am Anfang.

Insbesondere in Afrika setzen Staaten auf das Entwicklungspotenzial der Meere, das sogenannte blaue Wachstum. Mit seiner maritimen Seidenstraßen-Initiative möchte China die Schifffahrtswege zwischen Asien, Afrika und Europa massiv ausbauen und neue Einflussbereiche entlang der Seeroute schaffen. Viele Nationen erschließen immer entlegenere und tiefere Meeresbereiche, um ihren Energie- und Rohstoffbedarf zu sichern. Durch weitreichende Ansprüche von Staaten auf die ihren Küsten vorgelagerten Kontinentalsockel werden zurzeit die nationalen Hoheitsbereiche auf beispiellose Weise ausgedehnt.

Die Weltmeere sind zum Gegenstand der Geopolitik geworden. So wollen die Vereinten Nationen über ein verbindliches Abkommen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der hohen See verhandeln. Die Europäische Kommission und die Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik haben unlängst einen gemeinsamen EU-Aktionsplan für die internationale Meerespolitik vorgelegt. Auch einige Länder sind bereits Vorreiter: Norwegen hat kürzlich ein Weißbuch für die Ozeanpolitik veröffentlicht. Neue Allianzen zwischen Nord und Süd, zwischen Regierungen und Zivilgesellschaft machen Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern könnte.

Diese mutmachenden Ansätze brauchen Deutschlands tatkräftige Unterstützung. Zwei konkrete Schritte sind dafür notwendig: Das ist erstens die Entwicklung einer Strategie zur Rolle der Ozeane in der Außen-, Entwicklungs- und Umweltpolitik. In einer solchen Ozeanstrategie sollten drei Ziele im Vordergrund stehen: Saubere und gesunde Ozeane, nachhaltige Nutzung und blaues Wachstum, sowie globale Zusammenarbeit und Partnerschaften. In Zeiten, in denen die globale Stabilität zunehmend gefährdet ist, sollte sich die deutsche Politik besonders um den internationalen Dialog und die Stärkung bestehender Institutionen zur Zusammenarbeit kümmern. Die Strategie würde die Interessen, die bestehende Politik und möglichen Beiträge Deutschlands zur internationalen Meerespolitik integrieren und neu bewerten, auch im Hinblick auf die Potenziale, die in den Meeren zur Lösung globaler Probleme wie dem Klimawandel oder der Migration stecken.

Zweitens bedarf es einer umfassenden Strategie zur ressortübergreifenden Abstimmung, möglichst unter Einbindung von Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die stark voneinander abhängenden Fragen internationaler Meerespolitik lassen sich im Klein-Klein der Zuständigkeiten einzelner Fachministerien kaum beantworten. Wie das aussehen könnte, zeigen bereits bestehende Modelle der Bundesregierung zur Steuerung übergreifender Fragen, wie beispielsweise in der Nachhaltigkeitspolitik vom Kanzleramt oder bei außenpolitischen Fragen vom Auswärtigen Amt aus.

Wenn Deutschland mit seinen europäischen Partnern eine führende Rolle für den Schutz der Ozeane und damit für eine global nachhaltige Entwicklung übernehmen möchte, müssen die vielen Dinge, die die Regierung bereits für die Meere tut, jetzt strategisch ausgerichtet, enger miteinander verzahnt und in die Architektur der Bundesregierung eingebettet werden. Auf die nächste Bundesregierung kommt damit eine wichtige Aufgabe zu: Die Verabschiedung einer Ozeanstrategie, die über Ressortgrenzen hinweg Prioritäten setzt und Deutschland zu einem internationalen Pionier für die Ozeane macht.

© SZ vom 09.10.2017