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Atomkraft:Abgedreht

AKW-Abriss in Mülheim-Kärlich

Wie ein gefräßiges Insekt zog der Roboter RDB 100 die vergangenen Monate seine Kreise. Die ihm auferlegte Aufgabe, den Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich abzureißen, hat er nach einigen Verzögerungen mittlerweile fast erfüllt.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Runde um Runde baut der Spezialroboter "RDB 100" den Kühlturm des stillgelegten AKW Mülheim-Kärlich ab. Seine Aufgabe hat er mittlerweile fast erfüllt.

Mehr als drei Jahrzehnte war der Kühlturm des vielleicht unglückseligsten deutschen Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz eine Art inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. 162 Meter ragte das Bauwerk in die Höhe, war dem Himmel ein Stück näher als der Kölner Dom. Die Zeiten des AKW sind längst passé, nun ist auch der Turm Vergangenheit. Fast jedenfalls. Auf etwa 60 Meter ist er geschrumpft, abgenagt von einem eigens für diesen Rückbau konstruierten Spezialroboter namens "RDB 100".

Das gut sechs Meter lange Gerät sieht vom Boden aus wie ein großes exotisches Insekt. Es ist ebenso gefräßig wie kapriziös und wird bald nicht mehr zu sehen sein. In ein, zwei Wochen werde auch RDB 100 verschwunden sein, erklärt die Sprecherin des Betreibers RWE, Dagmar Butz. Der Stumpf des Kühlturms könne nun gefahrlos vom Boden abgerissen werden, der Bagger hat seine Aufgabe alsbald erledigt.

Sprengstoff hätte es auch getan. Doch RWE wollte die Umgebung des Reaktors nicht gefährden

Im Sommer 2018 wurde das Gerät auf die Krone des Kühlturms gehievt, Runde für Runde säbelte die Maschine Stücke von dem Bauwerk ab, gesteuert per Funk von Spezialisten, allesamt höhenfest, die in käfigartigen Arbeitsbühnen im Innenraum des Turmes hingen und dort - in Anwesenheit eines Experten für Arbeiten in höchster Höhe - den Roboter kreisen ließen. Der Bauschutt, nicht radioaktiv und nach RWE-Angaben auch nicht asbestverseucht, fiel zu Boden und wurde eingesammelt. Natürlich hätte man diesen Abriss einfacher haben können. Mit einer gehörigen Portion Sprengstoff wäre der Turm ganz schnell flachgelegt gewesen. Doch man wollte, wie es heißt, nicht die Bahngleise am Boden gefährden. Zudem hätte man den nahen Rhein sperren müssen, sagt Sprecherin Butz. Und der alte Reaktorbau in unmittelbarer Nähe wäre kaum ohne Schaden geblieben. Deshalb fiel die Wahl auf das Helferlein RDB 100. Dessen Arbeit sollte eigentlich längst erledigt sein. Schon Ende 2018 hätte der Turm nach ursprünglicher Planung verschwunden sein sollen. Wie so oft bei großen Infrastrukturprojekten kam es aber anders. Mal war das Wetter zu schlecht für die Abrissarbeit, mal streikte der Roboter. Ersatzteile gab und gibt es nicht auf die Schnelle, die Maschine ist ein Einzelstück, defekte Teile mussten, wie bei Pilotprojekten eben üblich, erst hergestellt werden. RWE musste immer wieder neue Termine für das Ende der Operation Kühlturm nennen, unschön, aber eben nicht zu ändern.

War der Bagger Fluch oder Segen für den Abriss? Sprecherin Butz überlegt kurz und sagt dann: "Unterm Strich war der Einsatz positiv." Er war, wenn man so will, ein weiteres, außerordentlich ungewöhnliches Kapitel in der seltsamen Geschichte des AKW Mülheim-Kärlich. Gebaut wurde das Kernkraftwerk in den Jahren 1975 bis 1986. Umstritten war es von Anfang an, auch und gerade weil es in dem erdbebengefährdeten Neuwieder Becken liegt. Deswegen war das Reaktorgebäude seinerzeit ohne neue Baugenehmigung etwa 70 Meter vom ursprünglich einmal geplanten Standort entfernt errichtet worden. Das war, wenn man so will, ein Schwarzbau. 1988 musste die 3,5 Milliarden teure Anlage nach nur gut einem Jahr regulärer Laufzeit auf Richterspruch vom Netz gehen.

2004 begannen die Abbauten. Bis die Anlage endgültig verschwunden ist, dürfte es noch etliche Jahre dauern. Mitte der 2020er-Jahre könnte es so weit sein, hofft RWE. Der Abriss, der mindestens eine Milliarde Euro kosten dürfte, dauert mithin länger als der Aufbau.