Anti-G-8-Demonstrationen Fünf Finger für ein Siegeszeichen

Die Bunten wollen die Schwarzen vom Spielfeld drängen. Das gefällt den Schwarzen natürlich nicht. In der "autonomen Security-Zone" werden nun fieberhaft Gegenstrategien entworfen. Eine schwarze Anarchistenfahne an einer Art Galgen, eine zusammengezimmerte Hütte, schwarz gekleidete Gestalten, die sich wie Falter in der Nacht um eine Feuertonne drängen: Hier tagt das Plenum des Black Barrio, also eine Fraktion des Schwarzen Blocks, der im Aktivisten-Camp Reddelich zeltet.

Zwei Dutzend Autonome diskutieren in drei Sprachen, streng nach Rednerliste, sachlich im Ton und eher ratlos in der Sache. Eben ist ein hagerer älterer Herr vom Plenum der Gruppensprecher zurückgekommen. Die Sprecher beraten alle zwei Stunden und müssen dann mit der Basis "rückkoppeln", was besprochen wurde. Der Hagere ist wütend. Er lässt ein Memorandum verlesen. Von Kollaboration ist da die Rede, von absurden Vorwürfen und "faschistischem" Denken.

Herrn Go plagen Sorgen

Die Massenorganisation Attac, erzählt der Alte, hat nach den Krawallen in Rostock gedroht, aus dem Bündnis der G-8-Gegner auszusteigen und die Straßenblockaden zu boykottieren. Gewaltlose Aktivisten wollen Autonome der Polizei melden, wenn sie wieder Steine werfen. Ein Demo-Organisator hat die Randale sogar mit dem Aufmarsch der Rechten verglichen, die 1992 in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim angesteckt haben.

Unter der Anarchofahne im Black Barrio erhebt sich jetzt empörtes Gebrummel. Was soll das, sagt einer, hier gehören doch alle zusammen, "die anderen brauchen uns doch auch". Naja, sagt ein anderer, "die wollen uns aber nicht, die haben Angst vor uns". Sogar das linksradikale Netzwerk "Dissent", erzählt er, will jetzt nicht mehr mit dem Schwarzen Block kooperieren. Wie sollen die Autonomen eigentlich zum Zaun kommen, wenn nicht im Schutz der vielen Friedfertigen, will einer wissen. Verkleiden, empfiehlt ein anderer. Einfach mal ein buntes T-Shirts überziehen.

Als ein paar tausend Menschen am nächsten Tag auf die Zufahrtsstraße nach Heiligendamm zulaufen, sind die Schwarzen fast weg von der Bildfläche. Und die wenigen, die noch da sind, werden mit Frohsinn neutralisiert. Noch ein Graben, ein paar Kühe flüchten entsetzt, dann öffnet sich die Hand und die Finger nähern sich einer Polizeikette auf einem Bahndamm. Die Grünen wollen die Bunten greifen, aber die schieben sich zwischen ihnen durch.

Es wird nicht gebrüllt, nicht geschubst, nur gestaunt. Als die Demonstranten auf der anderen Seite ankommen, rufen sie "Pudding" und "Rettich". Die Gruppen formieren sich. Dann sitzen Tausende auf der Straße.

Provokateure der Polizei

Viele, die hier sitzen, sind jung und ziemlich begeistert, dass sie den Gipfelgästen tatsächlich einen Weg abschneiden konnten. Andere sehen eher besorgt aus. Go zum Beispiel, ein Hochschuldozent, ist mit fünf rabenschwarz gekleideten Mitstreitern aus Tokio angereist. Jetzt hockt er auf einer Böschung und erzählt, dass er den Protest gegen den nächsten G-8-Gipfel organisiert. "In Japan ist das schwierig", sagt er. "Die Menschen sind scheu und sprechen nicht gern laut." Wie man so viele auf Trab bringt, ohne Geschrei, das will er jetzt genauer studieren.

Wenig später aber wird es dann doch noch laut. Sitzblockierer fangen an zu schreien, weil ein paar Vermummte Steine sammeln und andere zur Randale anstiften wollen. Organisatoren der Blockade sehen, wie ein paar Bunte losstürmen, sie wollen die Schwarzen aufhalten, dann kommt es zu einem Handgemenge.

Es sind Bremer Demonstranten, die hinter den Sturmhauben Bremer Zivilpolizisten erkannt haben wollen. Provokateure der Polizei, behaupten sie. Es gibt Augenzeugen aus der Organisationsleitung der Demo, die erzählen, sie hätten das nicht geglaubt - bis sie gesehen hätten, wie ein angeblicher Autonomer zur Absperrung der Polizei geführt worden sei. Geräuschlos hätten sich die grünen Reihen geöffnet. Dann sei der Mann in Schwarz aus dem Spiel gewesen.

Als es Abend wird über Heiligendamm, da zeigt sich die Polizei zufrieden mit ihrer Taktik - und weist energisch den Vorwurf zurück, der jetzt im Raum steht: dass in Heiligendamm nach den schwarzen Trupps jetzt die grünen Krawall machen wollen. Draußen auf den Alleen, die zum großen Zaun führen, feiern die Blockierer bis in die Nacht. Sieht ganz so aus, als hätten sie diese Etappe für sich entschieden.