Anschläge vom 11. September:Der "zwanzigste Entführer"

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Schuldig ist er. Im Prozess gegen den Terroristen Zacarias Moussaoui wird nur noch die Frage nach dem Strafmaß entschieden: Lebenslang oder Tod.

Christian Wernicke

Schuldig ist er, eindeutig. Denn so viel hat Zacarias Moussaoui längst gestanden: Ja, er habe im Sommer 2001 eifrig Flugstunden genommen, um später als Terrorist eine Boeing 747 zu entführen und ins Weiße Haus zu steuern.

Zacarias Moussaoui

Zacarias Moussaoui

(Foto: Foto: AP)

Zugegeben hat der 37 Jahre alte Franzose obendrein, als Al-Qaida-Mitglied in groben Zügen von dem Komplott jener 19 "Brüder" gewusst zu haben, die am 11. September drei Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon lenkten.

Doch damit endet die Klarheit in dem spektakulären Prozess, der am heutigen Montag im Federal Court House des beschaulichen Örtchens Alexandria im Bundesstaat Virginia beginnt. Hier, nur zehn Meilen vom Amtssitz des US-Präsidenten entfernt, müssen zwölf Geschworene eine vertrackte Frage beantworten: Dürfen sie einen Mann, der zur Tatzeit bereits hinter Gittern saß, wegen Beihilfe zu dreitausendfachem Mord zum Tod verurteilen?

Exekution per Giftspritze oder lebenslange Haft, allein diese Entscheidung ist noch offen. Wo die Schuld feststeht, darf die Jury nur das Maß der Sühne festlegen. Und damit nichts schief läuft im einzigen Prozess, den Amerika einem mutmaßlichen Mit-Attentäter des 11. September machen kann, wurden für diesen Montag 500 Männer und Frauen als potenzielle Geschworene einbestellt.

Per Fragebogen muss jeder offenbaren, was er weiß - über die Terroranschläge im Allgemeinen und Moussaouis Rolle im Besonderen. Wer befangen wirkt, bleibt draußen. Aussortiert werden auch Kandidaten, die prinzipiell gegen die Todesstrafe sind, und solche, die alle Kriminellen hängen sehen wollen. Eröffnen wird Richterin Leonie Brinkema den Prozess am 6. März.

Er wollte nur Kurven fliegen

Dann wird die Geschichte des Zacarias Moussaoui erneut aufgerollt: Wie er im Sommer 2001 in der PanAm-Flug-akademie in Minnesota auffiel, weil er partout lernen wollte, einen Jumbo Jet in die Kurve zu legen - aber kein Interesse bekundete, Start oder Landung am Simulator zu üben.

Wie er, nachdem das FBI ihn am 17. August wegen seines abgelaufenen Visums festgenommen hatte, behauptete, als Geschäftsmann nur seinem "Spaß am Fliegen" zu frönen - und verschwieg, dass ihm Ramsi Bin al-Schibb, der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, 14.000 Dollar überwiesen hatte. Hätte Moussaoui damals ausgepackt, so der Staatsanwalt, wären die Anschläge vom 11. September 2001 vielleicht vereitelt worden.

Genau das bestreitet Moussaoui. So viel habe er nie gewusst. Zwar brüstete er sich einst, an jenem Schicksalstag "der 20. Entführer" gewesen zu sein. Doch das hat er widerrufen. Auch die Anklage hält ihm nur mehr vor, eine "zweite Welle" von Terrorflügen ausgeheckt zu haben.

Die Version des Bin-Laden-Verehrers hingegen geht so: Das Al-Qaida-Netzwerk habe geplant, seinen Helden Muhammed Omar Abdel-Rahman aus der US-Haft zu befreien. Der "blinde Scheich" war als Drahtzieher der ersten Bombenanschläge auf das World Trade Center 1993 verurteilt worden.

Laut Moussaoui wollten die Terroristen eine Boeing 747 entführen und den Scheich freipressen. Falls die US-Regierung Verhandlungen mit den Entführern verweigert hätte, sollte er den Steuerknüppel in die Hand nehmen und den Jumbo ins Weiße Haus lenken.

Gegen den Willen Moussaouis verfolgen seine Verteidiger eine andere Strategie. Sie behaupten, der durch seine Kindheit traumatisierte Sohn marokkanischer Einwanderer sei psychisch gestört.

Statt ihres Mandanten wollen sie Amerikas Sicherheitsbehörden in die Rolle der Schuldigen drängen: FBI und CIA seien vor dem 11. September 2001 so viele Fehler unterlaufen - da hätte ihnen auch ein frühes Geständnis des Zacarias Moussaoui nicht auf die Sprünge geholfen.

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