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Alte Bundesländer:"Ganz ehrlich, es tut weh"

Im Osten wächst die Angst vor rassistischen Übergriffen - aber nicht nur dort. Auch im Westen hat sich die Stimmung verändert. Manche Migranten meiden Bus und Bahn, um Konflikten zu entgehen.

Von Bernd Kastner

Bleiben oder gehen? Auf diese Entscheidung spitze es sich bei vielen Migranten zu, die zwischen Ostsee und Erzgebirge leben und über ihre Zukunft nachdenken. Wegziehen, in den Westen? "Wir wissen ja nicht, wie es in fünf Jahren hier aussieht." So fasst Ayman Qasarwa Gedanken zusammen, die von den Wahlerfolgen der AfD befeuert würden; er ist Geschäftsführer von Damost, dem Dachverband der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland.

Mit wem man auch spricht in Organisationen, die sich für Menschen mit internationaler Biografie einsetzen, überall fällt ein Stichwort: Angst. Der Aufstieg der AfD gehe einher mit zunehmender Feindseligkeit auf der Straße. In den letzten Wochen, während des Wahlkampfs in Sachsen und Brandenburg, sei es nochmals heftiger geworden. "Kanake! Geht nach Hause! Was wollt ihr hier?" Solche Beleidigungen bekämen Menschen, deren Äußeres eine Migrationsgeschichte vermuten lässt, im Vorbeigehen zugezischt, sagt Qasarwa. "Wie fühlt man sich da? Ganz ehrlich, es tut weh." Er lebt seit etwa 30 Jahren in Ostdeutschland ("Ich bin ein Ossi") und beschreibt sich als recht abgehärtet. Aber viele neu Zugewanderte "kommen mit dieser Situation nicht zurecht". Also versuchten sie, so wenig wie möglich die Wohnung zu verlassen. Das Gegenteil von Integration - die Straße als Feindesland.

Tatjana Jurk, Vorsitzende des Dachverbands sächsischer Migrantenorganisationen, warnt vor einer weiteren Stufe der Benachteiligung, nämlich dass sich der politische Einfluss der AfD auch auf das Agieren der Behörden auswirke und es noch schwieriger werde, etwa eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und zugleich Abschiebungen forciert würden. Das alles drohe erst recht, falls die AfD eines Tages doch irgendwo an die Regierung komme.

Auch im Westen vermeiden es viele muslimische Frauen, Bahn oder Bus zu benutzen

Die Zukunftssorgen unter Migranten beschränkten sich nicht auf Ostdeutschland, sagt Aiman Mazyek, Chef des Zentralrats der Muslime. Die AfD-Erfolge wirkten im ganzen Land beängstigend. Er erzählt von einer oft unbewussten Verhaltensweise muslimischer Frauen, die, wenn sie die Möglichkeit haben, inzwischen lieber das eigene Auto nähmen, anstatt öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, um den befürchteten Konflikten in Bus oder Bahn zu entgehen. Eine Strategie, von der er immer öfter höre, sagt Mazyek. Er betont, dass der Rassismus lange vor der AfD da gewesen sei, die Partei ihn aber zu nutzen wisse und ihn in die Parlamente trage. "Ohnmacht" - dieses Gefühl breite sich in den migrantischen Communitys infolge der jüngsten AfD-Erfolge aus, im ganzen Land.

Was könnte dagegen helfen? Reden, sagt Mazyek. Die Betroffenen von Alltagsrassismus sollten von ihren Erlebnissen mehr berichten, und zwar jenen, die dies nicht erleben. Für eine ähnliche Strategie plädiert Tatjana Jurk: "Dialog". Es werde immer über Migranten gesprochen, "aber nicht mit Migranten". Auf gesellschaftlicher Ebene, gerade in den Kommunen, funktioniere der Austausch oft, nicht aber auf der politischen Landesebene.

"Wir wollen und müssen die falschen Bilder über Migranten ändern", sagt Diana Sandler, Chefin des Migrations- und Integrationsrats Brandenburg. Es gelte, über mehr Kontakt Ängste abzubauen, in beide Richtungen. Bürger wählten AfD, weil sie Angst vor Migranten hätten, glaubt Sandler; und umgekehrt hätten Migranten Angst vor Deutschen. "Es gibt viele Missverständnisse." Zugleich wünscht sich Sandler, dass Migranten mehr Dankbarkeit und Stolz zeigten: "Deutschland ist ein tolles, freies, demokratisches Land."

Konkreter klingt, was Qasarwa fordert: Beratungsstellen für Opfer von rassistischer Diskriminierung. Sie seien wichtig, weil die Hemmschwelle, zur Polizei zu gehen, hoch sei. Fachleute sollten rechtlichen Rat geben, wie man gegen Täter vorgehen könne, und psychologische Unterstützung geben, um sich besser gegen Feindseligkeiten zu wappnen, sich nicht einschüchtern und niederdrücken zu lassen.

© SZ vom 14.09.2019

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