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Aktuelles Lexikon:Freund

Aristoteles weist den Weg zur Einhaltung der "Ein-Freund-Regel".

Von Martin Zips

Im Unterschied zur hingebungsvollen Zuneigung (Agape) und der körperlichen Liebe (Eros) kommt die Freundschaft (Philia) bei Aristoteles dreigeteilt daher: Mal basiert sie auf beiderseitigem Vergnügen (etwa beim Sport), mal auf gegenseitiger Anerkennung (zum Beispiel bei einem guten Gespräch), mal auf miteinander geteiltem Interesse (zum Beispiel für Kunst). Die so erreichte Beziehung bezeichnet später Cicero als "familiaris" (Familie), was das virologische Dilemma in pandemischen Zeiten sicher am besten beschreibt. Folgt man nämlich der deutschen Regierung, so ist es derzeit geboten, dass Kinder wie Erwachsene in ihrer Freizeit nicht mehr als einen einzigen Freund treffen sollen. Die heftigen Diskussionen, die diese Mahnung nun verursacht, resultiert vor allem daraus, dass vom Schulfreund, über den Spielfreund, den Sportsfreund, den Busenfreund, den Spezi, den Arbeitskollegen, den platonischen Freund, bis hin zum On-Off-Freund heute wirklich fast alles als "Familie" gedeutet werden kann. Für wen sich also entscheiden, wenn man die "Ein-Freund-Regel" unbedingt einhalten will? Einen Ausweg bietet hier, erneut, Aristoteles, wenn er sagt, dass vollkommene Freundschaft ohnehin nur "trefflichen Charakteren, die gleich sind" gelingen kann. Und davon finden sich ja eh kaum welche.

© SZ vom 19.11.2020
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