Aktuelles Lexikon Dornenkrone

Die Reliquie wurde aus den Flammen Notre-Dames gerettet.

Von Matthias Drobinski

"Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm aufs Haupt und legten ihm einen purpurroten Mantel um." So berichtet das Johannesevangelium über die Leidensgeschichte Jesu: Die Krone wird zum Symbol der Erniedrigung, des Spottes über den Mann, der sagte, sein Königreich sei nicht von dieser Welt. Vom 12. Jahrhundert an, dem Beginn der Gotik, gewinnt die Dornenkrone als Zeichen des Glaubens, als Wappen und auch als Reliquie an Bedeutung; christliche Künstler stellen den gekreuzigten Jesus nun als Schmerzensmann mit der Dornenkrone dar. 1237 kauft der französische König Ludwig IX. ("der Heilige") in Konstantinopel die angebliche Dornenkrone Christi vom dortigen Kaiser Balduin II. für sagenhafte 35 000 Livres. Er lässt für sie in Paris die Sainte-Chapelle bauen, die Stadt wird zum Ziel zahlloser Pilger. Seit der Französischen Revolution wird die Dornenkrone in der Kathedrale Notre-Dame aufbewahrt; seit 1896 in einem Ring aus Kristall, Gold und Edelsteinen. Jeden ersten Freitag im Monat wurde sie bislang in Notre-Dame gezeigt. Wer wollte, konnte vortreten und die Reliquie küssen. Angeblich haben nun beherzte Grabesritter am Montagabend die Dornenkrone aus der brennenden Kathedrale gerettet - eine der bedeutendsten christlichen Reliquien.