AfD und Pegida Von zu viel Beachtung und richtiger Aufregung

Der Kinderschokoladen-Fall: Der Sturm der kreativen Empörung war so heftig, dass sich AfD- und Pegida-Funktionäre flugs von Hetze distanzierten.

Von Heribert Prantl

Die AfD klagt und lamentiert über vieles, aber über eines nicht: über fehlende Aufmerksamkeit. Darüber kann sie auch nicht klagen, weil die Beachtung, die ihr und ihrem Gewese geschenkt wird, spektakulär ist. Es kann der AfD eigentlich egal sein, ob ihre Vertreter ins Fernsehen oder sonst wohin eingeladen werden: Wenn sie nicht eingeladen werden, findet das mindestens die Beachtung, die die Einladung gefunden hätte. Die Debatte wird so innig geführt, dass sich die Partei Öffentlichkeitsarbeit sparen kann. Der Minderheitenschutz, gegen den sich die AfD in ihrer Politik aggressiv stellt, wird ihr selbst auf diese Weise in fürsorglichem Maß zuteil.

Der AfD wird zu viel Raum gegeben

Dabei ist es gewiss nicht falsch, diese Partei zu beobachten. Es ist aber schädlich, sie so unter die Vergrößerungsoptik zu legen, dass von Unsinn nur noch das Wortelement "sinn" zu sehen ist. Genau das passiert, wenn jede Unseriosität von Pegidisten und AfDlern durch eine seriöse Debatte geadelt wird. Genau das passiert, wenn Provokationen so sorgfältig interpretiert werden, als handele es sich um einen ausgearbeiteten Gesetzesvorschlag. Ausgearbeitete Gesetzesvorschläge gibt es in der parlamentarischen Arbeit der AfD in den Landtagen kaum. Aber das fällt angesichts des Getöses, den es um die AfD gibt, kaum auf. Der AfD ergeht es noch besser als dem Igel im Wettlauf mit dem Hasen: Sie ist überall "allhier": Wenn die CSU ein Integrationsgesetz schreibt, wenn Horst Seehofer ständig mit Angela Merkel streitet, wenn die SPD darüber nachdenkt, dass sie sozialer werden muss, und Gregor Gysi seine Linke beschimpft, weil ihr die Verve fehle - stets ist die AfD das Referenzobjekt, auf das man sich zumindest insgeheim bezieht. Das ist zu viel der Ehre für eine Partei, die wenig anderes vorweisen kann als politisches Wellenreiten und das Reden in den Metaphern unseliger Zeiten; bei ihr ist allen Ernstes davon die Rede, dass es das "morsche System" zu bekämpfen gebe.

Man könnte auch die große Aufregung, die es jüngst um die Kinderschokolade gegeben hat, unter der Rubrik "Überbeachtung" abbuchen; es wäre falsch. Pegidisten hatten sich darüber erregt, dass unter den Kinderfotos von deutschen Fußballspielern, mit denen der Hersteller der Schokolade warb, auch Kinderbilder der "undeutschen" Spieler Boateng und Gündogan waren. Gegen diesen Pegida-Rassismus gab es einen Sturm kreativer Empörung, der so stürmisch war, dass sich AfD- und Pegida-Funktionäre flugs von der Hetze distanzierten. Solche Kreativität, wie sie sich auch im österreichischen Wahlkampf gegen den FPÖ-Kandidaten Hofer zeigte, ist das beste Mittel gegen Rechtsaußen. Und im Kleinen zeigt sich ja Gefahr anschaulich.

Weil es hier gerade um Kinder geht, darf man sich angesichts rechtspopulistischer Tendenzen in ganz Europa auch an Verszeilen aus den Kindertagen der Demokratie erinnern: "Trotz alledem und alledem", von Ferdinand Freiligrath, 1848. Der klagt darin gegen den "Wind der Reaktion" und empfiehlt: "Wir schütteln uns." In Europa gibt es gerade wieder viel zu schütteln.